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Heimatgeschichten: Die Zwergenhöhle bei der Alten Burg

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von in Heiligenstadt · 25 Februar 2019
Tags: AlteBurgZwergenhöhle
Auf dem Weg von der Landstraße zur Friedenskapelle kommt man an der „Zwergenhöhle“ vorbei. Nach Duval war die Höhle bis 1820 befahrbar gewesen sein und hatte einen in dem Felsen gehauenen Platz.
In verschiedenen Jahrzehnten entdeckte man eingefallene Gewölbe in Richtung der Stadt. Nach einer anderen Legende hat die Zwergenhöhle einer Räuberbande Zuflucht gewährt. Dieser Ort inspirierte Theodor Storm zu dem Gedicht „Verloren“ und zur „Regentrude“.

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Die Sage berichtet von einem Jungen aus Uder, der in der Zwergenhöhle zu einer Hochzeit eingeladen wurde:

„Ähnlich wie mit der “Alten Burg” verhält es sich auch mit der Zwergenhöhle. Die Zwerge sind verschwunden, aber der Eingang zu ihrer Höhle ist noch zu sehen. Früher sagte man, der Felsspalt sei gar kein Eingang, sondern ein Ausgang. Als die Stadt noch eine Festung war, soll ein unterirdischer Gang vom Rathaus bis hierher geführt haben, damit man bei Belagerungen die Stadt hätte verlassen können. Ob das stimmt, kann niemand sagen, denn Berichte hierüber sind nicht vorhanden. Wohl aber wird von einem Jungen berichtet, der den unterirdischen Bewohnern dieser Felsenhöhle einmal begegnet sein soll. Und das kam so:

Ein Junge aus Uder wurde von seinen Eltern zum Einkaufen in die Stadt geschickt. Er sollte irgendwelche Dinge besorgen, die es in Uder nicht gab. Der Einkauf kostete viel Zeit, und außerdem gab es in der Stadt so viel zu sehen, dass der Junge “Mund und Nase aufsperrte”, wie man so schön sagte. Als er sich auf den Heimweg begab, begann es schon zu dämmern. Er hatte keine Furcht und wanderte los. Die Straße nach Uder führte an der Alten Burg vorüber, und als er in den dunklen Wald sah und das Rauschen der Bäume hörte, bekam er es doch mit der Angst zu tun. Voller Beklommenheit schlich er sich am jenseitigen Wegrand entlang und schaute nur dann und wann einmal in das Dunkel des Waldes. Plötzlich durchfuhr ihn ein eisiger Schreck, und er blieb wie erstarrt stehen: Oben, von der Höhe her, fiel ein breiter Lichtstreifen durch die Bäume. Der Junge erwartete etwas Furchtbares; vielleicht würde sogar das wilde Heer an ihm vorüber brausen oder etwas Ähnliches geschehen. Während er noch immer erwartungsvoll stand und auf den Lichtstreifen starrte, hörte er liebliche Musik vom Berge her klingen. Da erwachte er aus seiner Starre und wurde neugierig, denn nun wollte er sehen, wie es weiter ging - koste es, was es wolle!

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Wo so schöne Musik gemacht wird, dachte er, kann eigentlich nichts Böses sein, und mutig geworden, schlich er den Berg hinauf. Im Dunkeln ging das zwar schlecht, aber es ging. Zudem trieb ihn nun die erwachte Neugier voran, dem Lichtschein entgegen. Bald erkannte er, dass der Lichtstreifen aus der geöffneten Tür der Kapelle fiel, die auf dem Berge stand. Gerade als er ankam, wurde die Tür weit aufgetan, und aus der kleinen Kirche kam ein Hochzeitszug. Schnell sprang er hinter eine dicke Buche, um nicht gesehen zu werden. Wie staunte er aber, als in langem Zug lauter Zwerge aus der Kapelle kamen. Er konnte ja nicht wissen, dass die Tochter des Zwergenkönigs in dieser Nacht Hochzeit hatte.
An der Spitze des Zuges gingen die Zwergenkinder; Manche streuten Blumen, andere trugen Lichter, so dass es im Walde beinahe so hell wurde wie am Tage. Hinter den Kindern kam die Musikkapelle, die so schön spielte, wie es der Junge noch nie gehört hatte. Dann folgte das Brautpaar, ganz in Samt und Seide gekleidet und mit einer Krone auf dem Kopf. Hinter dem Brautpaar gingen die Hochzeitsgäste - so viele, dass der Junge sie in der Eile gar nicht zählen konnte. Alle waren wunderschön gekleidet, wie es zu einer Zwergenhochzeit gehört. Auf dem Platz vor der Kapelle bildeten sie einen Kreis. Der König und die Königin stellten sich mit dem Brautpaar hinein, und alle sangen zusammen feierliche Lieder, die einen wunderbaren Klang hatten. Doch der Junge konnte noch so sehr aufpassen, was gesungen wurde, war nicht zu verstehen. Dann begann die Musik wieder zu spielen, und alle zogen am Brautpaar vorüber und gratulierten ihm. Danach stellten sie sich wieder zum Zuge auf, und mit Musik ging es hinunter zur Zwergenhöhle, die ja in halber Höhe des Berges liegt. Der Junge folgte.

Als alle Zwerge in der Höhle waren, schlich er leise hinterher. Er drückte sich dicht an die Felswände und hielt sich ganz im Schatten, und so kam er immer tiefer in den Berg hinein. Endlich hörte der schmale Gang auf, und er schaute in einen großen Saal, der mit Girlanden, Kränzen und Fahnen wunderschön geschmückt war. Von der Decke herunter hing ein Kronleuchter mit vielen brennenden Lichtern, die den ganzen Saal erhellten. Die Hochzeitsgesellschaft hatte an langen Tischen Platz genommen, die von einem Ende des Saales, bis zum anderen reichten. In der Mitte, auf dem Ehrenplatz, saßen das Brautpaar und der König mit der Königin. Wieder spielte die Musik, und die Zwerge mit weißen Schürzen liefen umher und bedienten die Gäste mit feinsten Speisen und Getränken. Ein vornehmer Mann, mit langem weißem Bart, erhob sich und hielt eine Rede, und alle Anwesenden klatschten dazu. Das Essen aber ging weiter, und immer feiner anzusehende Dinge wurden aufgetragen. Der Junge stand noch im Eingang versteckt und sah alles mit an. Da er seit Mittag nichts mehr gegessen hatte, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, und zu gern hätte er zugelangt. Doch plötzlich verschluckte er sich und musste laut husten. Nun kann man sich denken, was das für eine Verwirrung in der Hochzeitsgesellschaft anrichtete. Alle sprangen auf, zogen und schoben ihn in das Innere der Höhle und nahmen ihn in ihre Mitte. Dem Jungen wurde ganz bange, und er zitterte am ganzen Leibe.

Der König machte ein böses Gesicht, kam auf ihn zu und fragte, wer er sei und was er wolle? Als der Junge merkte, dass man ihm offensichtlich nichts tun wollte, erzählte er, wie es zu seinem Hiersein gekommen war.  Da wurde der König wieder freundlich und sagte, er solle sich an den Tisch setzen und mit ihnen essen. Das ließ der Junge sich nicht zweimal sagen, setzte sich und griff ordentlich zu. Die Zwerge konnten sich nicht genug über seinen gesunden Appetit wunderen und füllten ihm immer wieder den Teller voll. Schließlich aber konnte er nicht mehr. Er wischte sich den Mund ab und meinte, dass er satt wäre. Jetzt verlangten sie von ihm, dass er ihnen etwas erzählen sollte, und da er aus Uder war, sprach er in Uderscher Mundart und erzählte von den Kühen, die er hüten musste, von seinem Hund, der so lustige Sprünge machen konnte und von allem, was es aus seinem Dorf zu berichten gab. Das gefiel den Zwergen, und sie forderten ihn auf, noch ein wenig zu bleiben. Gern folgte er der Aufforderung, zumal es immer wieder so feine Dinge zu essen gab, wie er sie zu Hause noch nie gesehen hatte.
Schließlich aber hatte er genug, und es zog ihn heimwärts. Er ging zum König, bedankte sich bei ihm für alles und wünschte ihm und den Seinen, dass Gott es ihnen lohnen möge. Der König sagte ihm, er sei ein guter Junge, und sie hätten sich gefreut, dass er bei ihnen gewesen sei. Dann gab er ihm einen goldenen Ring und ließ ihn gehen. Ein Zwerg nahm ihn bei der Hand, und führte ihn hinaus ins Freie.
Da stand er nun allein im dunklen Wald, und es kam ihm vor, als ob er alles nur geträumt hatte. Dann überlegte er nicht lange und lief, so schnell er konnte, nach Hause. Aber irgendetwas schien nicht mehr zu stimmen - das Dorf kam ihm ganz anders vor. Inzwischen war der Mond aufgegangen, es war hell geworden, aber sein väterliches Haus konnte er beim besten Willen nicht finden. Das war doch einstöckig - und jetzt stand dort ein zweistöckiges Haus mit einer großen Toreinfahrt und einem Erker an der Seite. Frühmorgens kamen die Leute aus den Häusern, aber der Junge kannte keinen von all denen, die vorüber gingen.

Ganz verschüchtert fragte er ein paar der vorüber gehenden Männer, wo Vater und Mutter hingezogen seien - aber niemand kannte die Namen, nach denen er fragte. Da man mit dem Jungen nichts anzufangen wusste, brachte man ihn zum Pfarrer. Der schüttelte den Kopf, als er die Geschichte gehört hatte, die ihm der Junge erzählte. Mit einem Mal fiel ihm ein, dass er im Kirchenbuch gelesen hatte, vor mehr als hundert Jahren sei ein Junge in die Stadt geschickt worden und nicht wieder gekommen. Er schlug nach und fand, dass es so richtig eingetragen war. Der Pfarrer schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte, dass der Junge ja über hundert Jahre in der Zwergenhöhle gewesen sei. So war es dann auch. So sehr der Pfarrer forschte, es fand sich kein Verwandter mehr, bei dem er den Jungen hätte unterbringen können. Er behielt ihn deshalb in seinem Haus, und wie es heißt, ist später ein tüchtiger Bauer aus ihm geworden. Den goldenen Ring, den er vom Zwergenkönig bekommen hatte, hielt er stets hoch in Ehren. Manches Mal ist er in seinem Leben noch hin zur Zwergenhöhle gegangenen, aber von den Zwergen hat er nie wieder etwas gesehen oder gehört.“

Quelle: Rudolf Linge: „Der Hahn auf dem Kirchturm“ – St. Benno Verlag Leipzig 1978 - Bilder: Zwergenhöhle 2017 und 1988
© Thomas Schuster 2019


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