Der Jägerborn beim Scharfenstein
Es heißt, dass der Wald rund um die Burg Scharfenstein nicht nur alt ist, sondern auch ein gutes Gedächtnis hat. Wer heute den schattigen Pfad vom Heiligenberg zur Burg wandert und am Jägerborn verweilt, hört vielleicht das leise, gleichmäßige Plätschern der Quelle. Doch vor vielen hundert Jahren klang dieser Ort ganz anders.
Es war in einer stürmischen Herbstnacht des Jahres 1412. Auf der Burg Scharfenstein herrschte Aufregung: Der Raubritter und Burgherr Hans von Wintzingerode, war von der Jagd nicht zurückgekehrt. Ein schweres Unwetter war vom Westerwald hineingebrochen, Blitze zuckten durch den Nachthimmel, und der Regen verwandelte die ausgetrockneten Pfade in reißende Schlammbäche.
Mit auf der Jagd war Johann, der junge, treue Forstknecht der Burg. Er hatte bei einem plötzlichen Hangrutsch den Anschluss an den Burgherrn verloren. Als die Blitze die Dunkelheit für Sekundenbruchteile erhellten, sah Johann im tiefen Dickicht das Pferd des Ritters – verstört und ohne seinen Reiter.
Johann kämpfte sich durch das dichteste Gestrüpp. Am Fuße einer steilen Felswand am Herrenberg fand er den Ritter. Hans lag reglos am Boden, sein Bein unter einem schweren Felsbrocken eingeklemmt. Er hatte im Dunkeln den Weg verfehlt und war abgestürzt. Er brannte vor Fieber und rührte sich kaum.
Johann gab nicht auf. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, stemmte er mit einem dicken Eichenast den Stein vom Bein des Ritters. Doch die größte Gefahr war nicht der Felsen, sondern der glühende Durst, der den Verletzten in den Wahnsinn zu treiben drohte. „Wasser…“, flüsterte der Ritter immer wieder mit trockener, gebrochener Stimme. Die Vorräte waren längst verloren, und in den Felsen gab es keine Quelle.
In seiner Verzweiflung kniete der junge Jäger auf dem durchnässten Waldboden nieder. Er schlug die Hände in das feuchte Moos zwischen den Wurzeln einer mächtigen, alten Eiche und begann zu graben. Er grub mit den bloßen Händen, fing den Schlamm mit den Fingern auf, grub tiefer und tiefer, bis die Finger bluteten. Er betete laut gegen das Heulen des Windes an.
Plötzlich spürte er, wie die Erde unter seinen Händen nachgab. Ein kühler, klarer Strahl schoss aus dem Felsboden empor – nicht trübe vom Regen, sondern kristallklar und rein.
Johann schöpfte das frische Quellwasser mit seinen hohlen Händen und flößte es dem sterbenden Ritter ein. Das kühle Wasser brachte die Lebensgeister des Burgherrn zurück und linderte sein Fieber. Als der Morgen graute und der Sturm nachließ, fanden die Suchtrupps von der Burg die beiden Männer.
Ritter Hans genas von seinen Verletzungen. Zum Dank für seine Rettung und als Zeichen der Ehrerbietung schlug er Johann vor den Augen aller Burgleute zum obersten Jäger des Scharfensteins. An der Stelle, an der die Quelle in der Not entsprungen war, ließ der Ritter eine Einfassung aus massivem Sandstein errichten.
Seit jener Nacht nennen die Menschen im Eichsfeld diese Stelle den Jägerborn.
Wenn du heute am Jägerborn stehst und das kühle Wasser probierst, sag man sich im Volksmund noch immer: Wer vor dem Aufstieg zur Burg Scharfenstein einen Schluck aus der Quelle trinkt, dem schenkt der Wald einen wachen Blick, eine ruhige Hand und ein treues Herz. Aber leider ist heute kein Wasser mehr zu sehen.
Hintergrund
Die Herren von Wintzingerode waren im 15. Jahrhundert die prägenden Burgherren und Inhaber des Pfandlehens der Burg Scharfenstein. Nachdem die Burg 1294 in den Besitz des Erzstifts Mainz übergegangen war, verpachtete Kurmainz das dazugehörige Amt aus finanzieller Not als Pfandamt an regionale Adelsgeschlechter.
Die Herren von Wintzingerode übernahmen bereits Ende des 14. Jahrhunderts erste Anteile nach dem Tod von Heinrich Knorr. Im Laufe des 15. Jahrhunderts gelang es der Familie, weitere Teile der Burg und strategische Vorwerke (wie die Beisenburg) in ihren Besitz zu bringen. Bekannt waren die damaligen Wintzingeröder Burgherren für ihre häufigen Fehden mit benachbarten Fürsten und den Städten Mühlhausen und Nordhausen. Da einige der auf dem Scharfenstein sitzenden Burgmannen als Raubritter agierten, wurde die Anlage im Jahr 1415 vom Mainzer Kurfürsten Johannes II. von Nassau und dessen Verbündeten belagert, um die Herren in die Schranken zu weisen.
Quelle: Eigene Aufzeichnungen – Bild: 2026 © Thomas Schuster Heiligenstadt
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