Willy Brandt ans Fenster
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Thüringen · Dienstag 17 Mär 2026 · 2:15
Tags: Erfurt, Willy, Brandt
Tags: Erfurt, Willy, Brandt
Der Ruf „Willy Brandt ans Fenster“ bezieht sich auf den
historischen Besuch des Bundeskanzlers in Erfurt am 19. März 1970. Tausende
DDR-Bürger feierten Brandt vor dem Hotel „Erfurter Hof“ frenetisch, was als
Zeichen der Hoffnung und Zuneigung gegen die SED-Führung gewertet wurde. Dieser
spontane Moment gilt als Höhepunkt der deutsch-deutschen Annäherung.
Das Hotel „Erfurter Hof“ befindet sich gegenüber dem
Erfurter Hauptbahnhof. Heute sind hier verschiedene Geschäfte und Firmen ansässig.
Es war das erste Gipfeltreffen zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und DDR-Regierungschef
Willi Stoph. Nachdem Sprecher Conrad Ahlers erst am Fenster erschien,
skandierten tausende Menschen „Willy Brandt ans Fenster!“, woraufhin Brandt
erschien und um Ruhe bat. Die Aktion war eine emotionale Demonstration der
Bürger gegen die Abschottung und für die Entspannungspolitik. Heute erinnert
eine Leuchtschrift und ein Bild Willy Brandts am ehemaligen Hotel an diesen
Moment.
Der damalige Bundeskanzler
reiste nach Erfurt als erstes sichtbares Zeichen der neuen Ostpolitik. Nach
seiner Wahl im Jahr 1969 zum Bundeskanzler einer sozialliberalen Koalition
suchte er das Gespräch mit der Führung der DDR, um Verhandlungsbereitschaft zu
signalisieren und die deutsch-deutschen Beziehungen zu verbessern. Die
Vorbereitung des ersten Treffens zwischen Willy Brandt und dem
DDR-Ministerpräsidenten Willi Stoph war herausfordernd; zunächst war Ostberlin
als Tagungsort vorgesehen. Da Brandt über Westberlin angereist wäre,
verweigerte die DDR dies. Am 12. März wurde beschlossen, das Gipfeltreffen am
19. März in Erfurt abzuhalten.
Für die Vorbereitungen
standen sieben Tage zur Verfügung. Das Tagungshotel „Erfurter Hof“, unmittelbar
gegenüber dem Hauptbahnhof, war vorgesehen; dort sollte Brandts Sonderzug
eintreffen. Der Bahnhofsvorplatz wurde abgesperrt, um einen Kontakt zwischen der
Westdelegation und den Erfurtern zu verhindern. Der Ablauf entsprach zunächst
dem Plan. Am 19. März traf die westdeutsche Delegation um 9.30 Uhr ein und
wurde von der DDR-Delegation unter Leitung von Willi Stoph begrüßt. Beim kurzen
Fußweg über den Bahnhofsvorplatz drängten mehrere Tausend Schaulustige auf den
Platz und durchbrachen die Absperrungen. Sicherheitskräfte konnten lediglich
einen schmalen Durchgang für die Delegationen sichern, die daraufhin möglichst
schnell das Hotel betraten.
Anschließend wurde der Platz
vor dem Bahnhof geräumt und die Sicherheitskräfte übernahmen die Kontrolle. Das
Treffen der Delegationen im „Erfurter Hof“ brachte jedoch keine Ergebnisse, da
die Positionen beider Seiten weit auseinander lagen. Am Abend wurden Bilder von
Willy Brandt am Fenster des Hotels und einer begeisterten Menschenmenge
ausgestrahlt; diese vermittelten Hoffnung auf eine Annäherung der beiden
deutschen Staaten. Für die DDR-Regierung waren die öffentlichen
Sympathiebekundungen für Brandt und seine Politik eine Katastrophe.
Bild: © Thomas Schuster Heiligenstadt