Tag der Deutschen Einheit
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Zeitgeschehen · Samstag 03 Okt 2026 · 5 Minuten
Tags: Tag, der, Deutschen, Einheit
Tags: Tag, der, Deutschen, Einheit
Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober ist der gesetzliche Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland. Er erinnert an die deutsche Wiedervereinigung im Jahr 1990, als der Einigungsvertrag in Kraft trat und die frühere DDR offiziell der Bundesrepublik beitrat. Damit wurde die über 40 Jahre währende Teilung Deutschlands friedlich beendet.
Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, die den Tag des Mauerfalls (9. November 1989) als Nationalfeiertag in Betracht zogen, wählte man aus historischen Gründen den 3. Oktober. Der 9. November ist durch die Reichspogromnacht von 1938 historisch vorbelastet
Der Tag ist in allen 16 Bundesländern ein gesetzlicher, arbeitsfreier Feiertag. Die zentrale, offizielle Feier zum Tag der Deutschen Einheit findet jedes Jahr in einem anderen Bundesland statt – und zwar traditionell in der Hauptstadt des Landes, das aktuell den Vorsitz im Bundesrat innehat. Das ist in diesem Jahr Bremen.
Aus dem Archiv 1850
Die Fortschritte der deutschen Einheit.
Vom Rhein, 28. März. Es fällt sicher heutzutage jedem, der Partei ergriffen, schwer, auch nur für einen Augenblick seine Farbe zu vergessen, und von dem Standpunkte des Zuschauers einen freien Blick auf das politische Getreibe zu werfen. Wem es aber gelingt, der wird sich des Gedankens nicht erwehren können, ob denn nicht statt der geträumten Einheit, nach Gothaischer oder großdeutscher Form, Deutschland dazu bestimmt sei, 1848 da fortzufahren, wo es 1648 aufgehört, und ob es nicht im ersten Stadium einer Selbstzerfleischungspolitik stehe. Fasse man die neuesten Erscheinungen kurz zusammen. In Erfurt eine Versammlung von Deputirten Preußens und einiger kleinen Staaten; Preußen gerüstet; ein österreichisches Heer an der sächsischen Grenze; die Spannung zwischen Preußen und Sachsen im Steigen, zwischen Preußen und Hannover zum offenen, zwischen Preußen und Würtemberg zum vielleicht unheilbaren Bruch gediehen: als erstes Zeichen der „anziehenden“ Wirkung des Erfurter Tags; Baiern beschäftigt, sein Heer auf den Kriegsfuß zu bringen und Ludwigshafen zu befestigen, aber nicht gegen Frankreich; Ausfälle im Verwaltungsrathe und ein Notenwechsel der deutschen Bundesstaaten, die dem Auslande den Eindruck machen müssen, als seien mit der Idee des „Reichs“ die „Fehden“ von selbst wieder auferstanden. Und eine jede dieser, die Befürchtung gänzlicher Auflösung nahe rückenden Erscheinungen, wird von den Organen einer immer noch einflußreichen Partei freudig begrüßt, als ein Fortschritt der deutschen Einheit, als „frohe Botschaft!“ Die Abberufung des preußischen Gesandten von Hannover erfolgte: mit freudestrahlendem Gesichte verkündete die Gothaer Presse, dies werde das von ihr ängstlich überwachte Preußen vorwärts drängen; der scharfe Notenwechsel mit Österreich, der unselige Bruch mit Würtemberg erfolgten: ganz vergnügt versichert jedesmal jedes Gothaer Blatt, jetzt sei Preußen entschieden, d. h. gereizt und zum Kampfe genöthigt! Was soll dies heißen? Glauben die Herren vielleicht, es werde ihnen gelingen, Preußen noch dahin zu drängen, mit dem Schwerte die Verfassungsfrage durchzuhauen, und sieht man nicht ein, daß alsdann die Sache nicht wie ein deutscher Familienzwist abgemacht, sondern das Signal zum allgemeinen Zusammenstoße wird, wo dann wieder wie gewöhnlich das einige Deutschland in den Lagern der europäischen Großmächte vertheilt wäre?
Oder meinen sie, das Erfurter Werk werde Anziehungskraft üben, d. h. das Volk in Östreich, Hannover, Baiern und Würtemberg werde noch unter die Gothaische Fahne treten und es handle sich nur um den Kampf gegen die Monarchen? Freilich, wenn man die jeden Tag bis zum Ekel wiederholten Tiraden gegen die „Rheinbundskönige“ liest, sollte man glauben, jene Partei hoffe von der Untergrabung des monarchischen Princips in den nichtgothaischen Staaten ihren Sieg, und habe die erst in den letzten Jahren so vielfach vor die Augen gerückte Geschichte vom „Besen, der nicht gehorchen will,“ schon wieder vergessen. Und sieht man denn nicht ein, wie gerade die zum voraus angekündigte Anziehungspolitik, die in dem auf dem Grundsatze der Gleichberechtigung errichteten Zollverein so herrliche Früchte trug, hier, bei einem System der Unterordnung, das Verhältniß der zur Alluvion bestimmten Territorien von vorn herein in feindliches gestalten, zur fortschreitenden Erweiterung der Kluft nöthigen und sich in eine Abstoßungskraft verwandeln muß?
Noch war der Reichstag nicht eröffnet, und Hannover und Sachsen schied; er tritt zusammen und Oldenburg beginnt seinen Absagebrief zu schreiben; was nachfolgt, wird die nächste Zukunft lehren. So z. B. wird sicherlich der merkwürdige Ausfall der Wahlen im Großherzogthum Hessen früher oder später nicht ohne Folgen bleiben können. Man müßte nämlich die von ein Paar Wählern nach Erfurt gesendeten Deputirten eine lebendige Persiflage des Repräsentativsystems nennen, wenn man in etwas anderer, als in allgemeiner Abneigung gegen den Zweck, den Grund dieser wirklich eigenthümlichen Wahlen suchen wollte. Und während so die Regierungen Deutschlands sich jeden Tag mehr von einander entfernen, während jeden Tag gerade der Kern des Volks in Nord und Süd schröffer geschieden wird: bohrt einträchtig und emsig die rothe Partei an den Fundamenten und hört mit wohlbegründeter Freude, wie die zwei Fractionen der conservativen Partei in Deutschland sich wechselseitig versichern, die andere sei Schuld, wenn dereinst Alles zusammenstürze und die Socialdemokratie auf den Ruinen als Siegerin stehe. Dies das Bild von Deutschlands Gegenwart.
Der alte Bundestag hat gewiß schwer gesündigt; er muß noch jetzt als Schreckbild dienen, denn in jedem Versuche zur Einigung erblickt man sein Gespenst; die Geschichte wird aber vielleicht noch die Frage aufwerfen: ob es denn die Träger und Leiter einer Bewegung, die jetzt dem Ausland das Schauspiel der kläglichsten Zerstücklung und wechselseitiger Anfeindung früher wenigstens verbündeter Staaten und Stämme darbietet, sind, die Fug und Recht haben, dem Sünder seine Übelthaten vorzuwerfen?
Quelle: Deutsche Blätter aus Thüringen. Nro. 29 - Jena, den 9. April 1850. - Bild: Wiedervereinigungsbrunnen Duderstadt 2018 © Thomas Schuster