Muttertag in Heiligenstadt
Ein sonniger Maimorgen im Jahr 1930 in der Heiligenstädter Altstadt. Die Glocken von St. Marien hatten gerade den Tag eingeläutet, und in der Windischen Gasse lag noch jene besondere Sonntagsruhe, die nur von dem fernen Klappern eines Pferdefuhrwerks unterbrochen wurde.
In einem der schmalen Fachwerkhäuser, direkt hinter der massiven Stadtmauer, herrschte jedoch bereits emsige Betriebsamkeit. Die Geschwister Maria und Karl standen in der winzigen Küche und flüsterten aufgeregt. Es war der vierte offizielle Muttertag in Deutschland, und nachdem der Tag in den Vorjahren im Eichsfeld immer populärer geworden war, wollten sie ihre Mutter dieses Jahr besonders überraschen.
Maria hatte bereits am Vorabend heimlich ein paar Eier und Butter beim Nachbarn organisiert. „Nicht so laut, Karl! Wenn Mutter aufwacht, ist die Überraschung hin“, zischte sie, während sie den Teig für einen einfachen Rührkuchen schlug.
Karl, der erst zehn Jahre alt war, hielt fest ein kleines Sträußchen in der Hand. Er war extra früh aufgestanden, um am Stadtrand, dort wo die Gärten in die grünen Hänge des Ibergs übergingen, frische Schlüsselblumen und Vergissmeinnicht zu pflücken.
Als die Mutter, Frau Hildegard, schließlich die knarrende Holztreppe herunterkam, empfingen sie die Kinder mit einem Lied. Neben dem Kuchen lag eine kleine Karte. Karl hatte mühsam in Sütterlin geschrieben: „Für die beste Mutter, behüt’ dich Gott.“
Maria überreichte ihr eine kleine Marienfigur aus Ton, die sie von ihrem kargen Lohn als Näherin beim Textilhändler in der Wilhelmstraße zusammengespart hatte.
Nach dem Frühstück machten sie sich fertig. In der Windischen Gasse traten auch die Nachbarn aus ihren Türen – die Männer in ihren besten Sonntagsanzügen, die Frauen mit gepflegten Kopftüchern oder Hüten.
„Guten Morgen, Frau Hildegard! Ein schöner Tag für die Mütter, nicht wahr?“, rief der alte Nachbar über die Gasse hinweg.
Man spazierte gemeinsam zur St. Ägidienkirche. Der Weg führte sie durch die engen Gassen, vorbei an den blühenden Fliederbüschen, die über die Gartenmauern hingen. In der Kirche brannten hunderte Kerzen vor dem Marienaltar. Es war eine Zeit des Umbruchs in Deutschland – die wirtschaftliche Not der Weltwirtschaftskrise war auch im Eichsfeld spürbar –, doch an diesem Sonntag im Mai 1930 schien die Welt in der Windischen Gasse für einen Moment stillzustehen.
Nach dem festlichen Mittagsmahl – es gab traditionell Klöße – wanderte die kleine Familie zum Heiligenstädter Wasserfall und in den Hindenburg-Park.
Hildegard strich ihren Kindern über die Köpfe. In einer Zeit, die zunehmend politisch unruhiger wurde, war dieser Tag in der Geborgenheit des Eichsfelds ein Gefühl der Liebe und Beständigkeit.
Als sie am Abend wieder nach Hause gingen, war Hildegard sicher: Dieser neue Brauch des Muttertags würde bleiben.
Quelle und Bild: KI Gemini nach Vorgabe