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Heimatgeschichten: Die Alte Burg bei Heiligenstadt

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von in Heiligenstadt · 23 Februar 2019
Tags: AlteBurg
An der Straße von Heiligenstadt nach Uder befindet sich die sogenannte „Alte Burg“ (Altenborg, Aldeborg, castrum antiquum). Das hier eine Burg gestanden hat, ist sehr unwahrscheinlich. Wintzingeroda-Knorr schreibt: „Diese bewaldeten Teile, welche etwa 3.000 Schritte westlich der Stadt Heiligenstadt beginnen, werden noch immer ‚die alte Burg‘ genannt. Innerhalb der kleinen Waldung befindet sich eine ziemlich verfallene Kapelle, einige Steinnischen, in welchen früher Heiligenbilder eingelassen waren, ein neuerdings erbautes Vergnügungslokal und mehrere jetzt verlassene Steinbrüche. Von älteren Wohnstätten und Befestigungen ist derzeit keine Spur mehr vorhanden.

Erwähnt wird „et montem dictum Altenborg“ in einer Urkunde vom 28. Februar 1241. Hier verkauft das Katharinenkloster in Eisenach unter anderem die alte Burg an den Vizedom vom Rusteberg.
Am 22. Januar 1417 verleihen die von Hanstein dem Dechanten des Martinsstiftes in Heiligenstadt, Kurt von Treffurt, die Vikarie an der Kapelle auf der alten Burg zu Peter und Paul.

Johann Wolf findet um 1800 keine Überreste einer Burg mehr. Er schreibt u.a.: „Die Alte Burg selbst ergetzet das Auge mit mancherlei Schönheiten, welche der Kurfürst Friedrich Karl Joseph 1796 durch neue Gänge, Sitze und kleine Wasserfälle noch vermehrt hat.“

Für den Verfall der Burg ist der Sage nach eine neugierige Magd verantwortlich:

„Jahre waren inzwischen vergangen. Die Menschen auf der Burg lebten nicht ewig - wenn sie alt geworden waren, starben sie und junge Leute füllten Ihre Plätze aus. So wurde eines Tages eine Dienstmagd eingestellt, die sehr neugierig war. Sie erlebte, dass im ganzen Hause alles vorzüglich klappte, dass alles an Ort und Stelle war, was gebraucht wurde, und sie konnte sich nicht erklären, warum das so war. Zwar befragte sie sich bei den anderen Mägden, aber keine sagte ihr etwas von den Zwergen, weil jede befürchtete, dass die fleißigen Helfer vertrieben werden könnten.

Weil ihr niemand etwas sagen wollte, dachte sie an Zauberei. Doch so viel sie auch beobachtete, niemals konnte sie etwas Verdächtiges feststellen. Das war so, weil die Zwerge nur nachts an ihre Arbeit gingen, denn sie wollten ja von niemandem gesehen werden.
Eines Tages tat die neugierige Magd etwas Verbotenes. Es war den Bediensteten nämlich nicht erlaubt, sich weit von dem Schloss zu entfernen, da der König befürchtet, es könnte sonst die Zwergen höhle entdeckt werden und etwas Schlimmes geschehen. Die Magd nun hatte sich entfernt und auf ihrem Spaziergang einen Felsenspalt entdeckt, der wie ein Eingang aussah. Sie wollte hinein gehen, doch wurde der Spalt so eng, dass ein weiterkommen nicht möglich war. Jedenfalls war sie aufmerksam geworden und gönnte sich keine Ruhe. Da gar nichts zu erfahren war, versuchte sie mit einer List ihre Neugier zu befriedigen. Eines Tages sprach sie mit einer anderen Magd über irgendetwas Gleichgültiges, und ganz unvermittelt meinte sie, sie habe kürzlich im Wald einen Eingang in den Berg entdeckt...  höchst erschrocken rief die andere aus: “Die Zwergenhöhle!”
Die Neugierige tat, als habe sie den Ausruf nicht gehört und redete gleichgültig weiter. Im Stillen aber wusste sie, dass sie nun dem Geheimnis auf der Spur war. Es galt jetzt heraus zu finden wie sie den Kleinen einmal bei ihrer Arbeit zuschauen könnte.

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Da erinnerte sie sich, von ihrer Großmutter einmal gehört zu haben, dass Zwerge keinen Schnaps trinken dürften - und wenn sie es doch tun würden, könnten sie nicht mehr laufen und müssten fortgetragen werden. Auf diese Weise wollte sie die Kleinen überlisten und sie beobachten. Kaum hatte sie ihren Plan gefasst, ging sie auch schon daran, ihn zu verwirklichen. Abends, als alle Bewohner der Burg schliefen, stellte sie überall in der Küche kleine Schalen auf, die mit starkem Schnaps gefüllt waren. Und wirklich: es geschah, wie sie es erwartet hatte - die Zwerge wollten wissen, was in den Schalen sei, sie steckten die Finger hinein und führten sie an die Zunge. Kaum hatte der Alkohol ihre Zungen berührt, torkelten sie umher, fielen um und blieben liegen. Andere liefen fort, und die Küche war von einem Piepsen erfüllt, als ob lauter Mäuse unterwegs wären. Gerade wollte die Magd laut heraus lachen, denn der Anblick amüsierte sie, als sie ein Geräusch auf der Treppe hörte. Weil sie nicht gesehen werden wollte, versteckte sie sich schnell hinter der Tür. Es kam aber niemand näher, und so trat sie wieder hervor, um das seltene Bild in sich auf zu nehmen. Ganz enttäuscht war sie, als die Küche leer und von den Zwergen nichts mehr zu sehen war. Zwar sagte sie niemandem von ihrem nächtlichen Erlebnis, doch bald spürte man, dass irgendetwas geschehen sein musste: die Zwerge kamen nicht mehr zur Arbeit, alles, was sie bisher erledigt hatten, blieb liegen.

Zu gern wollte man dem König verheimlichen, dass die sonst so treuen Helfer nicht mehr kamen, aber das ging nicht gut, denn das Holz vor den Kaminen wurde nicht mehr erneuert, das Essen schmeckte nicht mehr, weil die guten Würzkräuter nicht mehr da waren, und die Vorräte in Küche und Keller wurden weniger und weniger. Der König wusste nun, dass auch die Burg, die sein ganzer Stolz gewesen war, zerfallen würde. Er überlegte daher nicht lange, sondern zog mit seinem Gesinde fort zu seinem Sohn, der inzwischen das Reich regiert hatte.

So kommt es, dass von der Königsburg nichts mehr zu sehen ist und nur der Ort, an dem sie gestanden hat, heute noch “Alte Burg” genannt wird.“

heiligenstadt.net

Quelle: Rudolf Linge: „Der Hahn auf dem Kirchturm“ – St. Benno Verlag Leipzig 1978; Bild: Zeichnung von Otto Thomasczek.


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