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Geröder Geschichten II
Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · Samstag 08 Jun 2024
Tags: KlosterGerode
Eine weitere Geschichte vom Kloster handelt in der Zeit der napoleonischen Besetzung und beschreibt eine Redensart, die nur in diesem Gebiet vorkommt oder kam. Vielleicht kennen sie Einheimische noch: „auf dem Heubergsmarkte gekauft haben“.

Der Heuberg befindet sich zwischen Gerode und Bischofferode. Hier befinden sich auch die Zigeunereichen, das Männerholz und der Pfaffengrund.

„… Man hört nämlich in der Gegend sehr häufig den Ausdruck: „auf dem Heubergsmarkte gekauft haben“, welches so viel bedeutet als: „auf ganz wohlfeile auch wohl unerlaubte Weise in den Besitz eines Gegenstandes gelangt sein.“

Kurz vorher nämlich, ehe die Schlacht bei Leipzig geschlagen wurde, kamen eines Abends einige von französischen Kriegern begleitete Wagen an Gerode vorüber und da die Dunkelheit schon einzubrechen begann, fuhren sie dieselben mit Bewilligung des damaligen Inhabers von Gerode, in die Scheuer.

Obwohl nun diese von den französischen Soldaten verschlossen gehalten und bewacht wurde, fanden doch einige im Kloster dienende Männer Gelegenheit, den Inhalt der Wagen zu untersuchen und Überzeugten sich mit vielem Vergnügen, daß derselbe aus lauter werthvollen Gegenständen, als Ehrensäbeln, trefflichen Pistolen und andern Waffen, aus goldgesticten köstlichen Uniformen und andern dergleichen Dingen bestand, wie sie Napoleon fast immer vor einem entscheidenden Tage unter die Führer seiner Schaaren zu vertheilen pflegte.

Die Entdecker dieser Kostbarkeiten hatten nichts Eiligeres zu thun, als es ihren Verwandten und Bekannten in Weißenborn, Lüderode und andern Orten mitzutheilen und als am andern Morgen die Franzosen unbefangen weiter zogen und über den dicht beim Kloster gelegenen Heuberg fuhren, stürzte urplötzlich ein gewaltiger Haufe bewaffneter Landleute aus den Gebüschen, verjagte die erschrockenen Krieger, plünderte die Wagen und eilte sodann in das Dunkel des Waldes zurück.

Die flüchtigen Franzosen machten von dem Vorfalle sofort Anzeige und es erschien alsbald eine Commission, welche die Sache streng untersuchen und die Schuldigen ohne Ansehn der Person bestrafen sollte. Alles war in ängstlicher Spannung und die Freunde des damaligen Inhabers von Gerode zitterten selbst für diesen, der ein warmer Patriot war und seine Ansichten nie ängstlich verbergen zu müssen geglaubt hatte.

Der Commissar ließ zunächst eine Aufforderung ergehen, das Geraubte wieder zu bringen und die Anführer des Räuberhaufens namhaft zu machen, oder des Aergsten gewärtig zu sein. Es wurde auch wirklich Vieles wieder herbeigebracht und endlich sogar ein Mann eingefangen, welcher einer der Rädelsführer gewesen sein sollte. Derselbe wäre jedenfalls füsilirt worden, wenn es ihm nicht mit Hilfe guter Menschen gelungen wäre, seinem Gefängnisse in Weißenborn zu entrinnen, obgleich er sehr streng bewacht wurde.

Der ferneren Untersuchung der Sache machte aber die Schlacht bei Leipzig, welche eben geschlagen worden war, ein schnelles Ende, denn als sich die Nachricht von dem Siege, den die Verbündeten errungen, verbreitete, machte sich die Commission augenblicklich eiligst von dannen.
Kaum waren die Franzosen aus der Gegend verschwunden, so kamen in den benachbarten Dörfern hier und da schöne Säbel, prachtvolle Pistolen, treffliche Flinten und dergleichen zum Vorschein, ja man sah an den schlichten Röcken der Landleute goldene mit dem französischen Adler gezierte Knöpfe und dergleichen und frug man einen Landmann, wo er diese Gegenstände herhabe; so gab er zur Antwort: er habe sie auf dem Heubergsmarkte gekauft.“

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Quelle: Carl Duval: „Das Eichsfeld“ – 1845 – Bild: Bischofferode um 1920


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