Eine Anekdote vom Hülfensberg
Der Hülfensberg im Obereichsfeld ist seit Jahrhunderten als „Heiliger Berg des Eichsfeldes“ bekannt, und rund um das dortige Franziskanerkloster sowie das berühmte romanische Kruzifix – den „Sankt Gehülfe“ – ranken sich zahlreiche Geschichten.
Eine besonders schmunzelhafte Anekdote betrifft die Zeit der innerdeutschen Teilung. Da der Hülfensberg unmittelbar in der bewachten Sperrzone der DDR lag, war der Zugang für Gläubige extrem eingeschränkt. Wer zur Wallfahrt auf den Berg wollte, benötigte einen begehrten Passierschein.
An einem gewöhnlichen Sonntag in den 1970er-Jahren wurde ein älterer Eichsfelder am Kontrollpunkt am Fuß des Berges von den Grenztruppen gestoppt. Der junge Grenzsoldat musterte den Ausweis des Mannes gründlich und fragte streng:
„Genosse, wohin des Weges? Und was wollen Sie ausgerechnet auf diesem Berg?“
Der Wallfahrer antwortete gelassen in seinem Eichsfelder Dialekt: „Ich gehe zum Sankt Hülfe. Ich muss ihn um etwas bitten.“
Der Soldat schüttelte ungläubig den Kopf und meinte spöttisch: „Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass dieser Holzherrgott Ihnen bei irgendetwas helfen kann?“
Darauf schaute der alte Mann den Soldaten ruhig an, deutete auf die mächtigen Grenzzäune und die Wachtürme rundherum und erwiderte schmunzelnd:
„Nun ja, mein Sohn – dass er ausgerechnet hier oben mitten im Sperrgebiet stehen bleiben durfte, obwohl man drumherum alles dichtgemacht hat... ein kleines bisschen Einfluss muss er wohl doch haben!“
Der Soldat sparte sich jede weitere Bemerkung und winkte den Mann durch.
Sankt Gehülfe gilt auf dem Hülfensberg bis heute nicht nur als Nothelfer, sondern im Gedächtnis der Region auch als Symbol für stummen, aber unerschütterlichen Widerstand.
Quelle: Eigene Aufzeichnungen – Bild: Hülfensberg von Otto Thomasczek um 1900 von Thomas Schindler (bearbeitet)