Direkt zum Seiteninhalt
Menü überspringen
Menü überspringen
© www.schuster-heiligenstadt.de
Menü überspringen
Eine Adventsnacht in der Wilhelmstraße
Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Zeitgeschehen · Sonntag 30 Nov 2025 · Lesezeit 2:15
Tags: Advent
In der Wilhelmstraße von Heiligenstadt, dort wo die Fachwerkhäuser im Winter dicht an dicht standen und der Schnee die schmalen Dächer wie mit Zucker bestäubte, wohnte um das Jahr 1800 ein kleiner Junge namens Jakob. Das Haus seiner Familie war nicht groß – zwei niedrige Stuben, der Duft von Holzrauch in jeder Ritze – doch für Jakob war es die ganze Welt.

Seine Eltern arbeiteten von früh bis spät. Der Vater in einer kleinen Werkstatt am Ende der Straße, die Mutter half in der Bäckerei, in der schon vor Sonnenaufgang das Feuer im Ofen brannte. Jakob aber war selten allein, denn seine Großmutter lebte mit im Haus. Mit ihren warmen, rauen Händen und der sanften Stimme war sie für ihn so wichtig wie das Licht der Kerzen, das die Adventszeit erhellte.

An kalten Tagen saß Jakob oft am kleinen Fenster zur Straße. Im Winter war das Glas von einer zarten Eisschicht überzogen, und er strich mit dem Finger Muster hinein, durch die er die Menschen draußen vorbeigehen sehen konnte: Männer in dicken Mänteln, Frauen mit Tüchern um den Hals, Kinder, die mit roten Wangen im Schnee spielten. Die Großmutter legte ihm dann manchmal eine Decke um die Schultern und erzählte Geschichten von früher – von warmen Sommern, strengen Wintern und Wundern, die besonders in der Adventszeit geschehen konnten.

An einem Abend, kurz vor dem zweiten Advent, stellte die Großmutter einen hölzernen Kerzenhalter auf den Fenstersims. „Damit dein Blick in die Welt ein wenig heller wird“, sagte sie und zündete die dünnen, handgezogenen Kerzen an. Ihr Licht spiegelte sich im gefrorenen Glas und ließ die ganze Stube golden schimmern.
Jakob sah hinaus und staunte. Die Menschen, die vorübergingen, wirkten nun, als seien sie Teil eines lebendigen Sternenpfads. Jede Bewegung, jedes Lachen, jeder warme Atemzug, der als kleine Wolke in der Luft stand, schien vom Kerzenlicht getragen zu werden.

„Siehst du“, flüsterte die Großmutter, „in der Adventszeit leuchten nicht nur Kerzen. Auch wir Menschen tragen ein Licht mit uns. Manchmal muss man nur genau hinschauen.“
Jakob nickte. Er spürte die Wärme der Kerzen, aber auch die Wärme in seinem Herzen – und obwohl das kleine Haus eng und das Leben oft schwer war, fühlte sich dieser Moment größer an als alles, was er kannte.
Draußen fiel leiser Schnee. Drinnen, im Haus in der Wilhelmstraße, saß ein kleiner Junge am Fenster und glaubte fest daran, dass in dieser besonderen Zeit jeder Tag ein kleines Wunder bereithalten konnte.


Einen schönen 1. Advent!


Zurück zum Seiteninhalt