Die verschwundenen Sonnenuhren an der Heiligenstädter Marienkirche
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · Sonntag 01 Feb 2026 · 3:15
Tags: Marienkirche, Sonnenuhr
Tags: Marienkirche, Sonnenuhr
Sonnenuhren sind nicht nur Zeitmesser, sondern auch Schmuckstücke, die auch an privaten Häusern zu finden sind. Die Tage stieß ich auf einen interessanten Artikel von Manfred Kahlmeyer, der sich mit diesem Thema beschäftigte.
Alle großen Sonnenuhren unserer Heiligenstädter Kirchen wurden nach der Wende aufwendig saniert. Die bedeutendste ist die vertikale Südsonnenuhr am Turm der Marienkirche, die von Athansius Kircher 1624 hergestellt wurde.
Es gibt aber zwei weitere mittelalterliche Sonnenuhren an der Südseite der Kirche. Überreste dieser Uhren konnte ich bei einer Besichtigung gestern nicht erkennen.
Die erste mittelalterliche Sonnenuhr war am 3. südlichen Außenpfeiler des Seitenschiffes angebracht:
„E. Zinner schreibt in seinem Buch „Alte Sonnenuhren an europäischen Gebäuden“ von „Resten einer mittelalterlichen Sonnenuhr an der Marienkirche in Heiligenstadt“. Dieser Notiz ging ich nach und fand auch spärliche Überbleibsel dieser einstigen Vollkreissonnenuhr. Am dritten Pfeiler vom Chor aus gesehen zeichnen sich in einer Höhe von 5 Metern Bruchstücke von zwei Vollkreisen ab. Zur besseren Erkennung dieser Kreise auf dem Foto wurden sie mit einem Holzkohlestift nachgezogen.
Der innere Kreis hat einen Durchmesser von 52 cm und der äußere von 64 cm. Der benannte Pfeiler befindet sich unmittelbar neben dem früheren Eingangsportal, welches heute zugemauert ist. (heute wieder begehbar, aber immer verschlossen) Durch die Witterungseinflüsse im Laufe der Jahrhunderte ist leider keinerlei Einteilung mehr zu erkennen, aus denen weitere Schlüsse zu ziehen wären. Aus der Entwicklung der Baugeschichte nach Rassow fällt die Erbauung des Kirchenschiffes in den zweiten Bauabschnitt. Rassow schreibt: „Da er den Stilformen nach ebenfalls noch dem 14. Jahrhundert angehört, so liegt es nahe, anzunehmen, daß dieser Bauteil ein beim Brande des Jahres 1333 zerstörtes älteres Kirchenschiff zu ersetzen hatte, daß man aber den damaligen Chorteil unberührt ließ, um dort weiter Gottesdienst abhalten zu können.“ Es stellt sich auch hier die Frage, warum ist Rassow in seiner „Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Heiligenstadt“ nicht auf die Sonnenuhren eingegangen? Zieht man die Analogie in der Anlage (2 Vollkreise) zu den Sonnenuhren an der Martinikirche und an der Ägidienkirche in Betracht, so kann vermutet werden, daß es sich um eine frühe Form von Polstabsonnenuhr handelt. Sollte es vielleicht eine Übergangsform zwischen den kanonialen Sonnenuhren (Schattenstab ragt senkrecht aus der Wand) und den modernen Polstabsonnenuhren sein?“
Die zweite, eine vertikale Südsonnenuhr, war am 2. südlichen Außenpfeiler des Kirchenschiffes zu erkennen:
„Beim Betrachten dieser Sonnenuhr fällt besonders die Anbringungshöhe auf. Nur einen Meter über dem Erdboden, ist sie fast mit Brennnesseln verdeckt. In einer solchen Höhe wurden Sonnenuhren nicht angebracht. Eine Erklärung kann nur darin gesehen werden, daß beim Bau der Stützmauer Erdreich angefüllt wurde. Auch bei dieser Sonnenuhr wurden die Stundenlinien, Stundenziffern und die Tageslinien nachgezogen, um sie auf dem Foto sichtbar zu machen. Der Verwitterungsprozeß ist sehr weit fortgeschritten, und an der linken Seite der Uhr fehlt bereits ein Stück von dem roten Sandstein. Der Stein ist 64 cm breit und 45 cm hoch. Neun lange Stundenlinien sowie 5 Tageslinien sind bruchstückhaft zu erkennen. Die Stundenziffern 3, 4 und 5 sind noch recht deutlich zu sehen. Aus der Lage der beiden Polstablöcher kann ebenfalls auf eine vertikale Südsonnenuhr geschlossen werden. In der Bauart erinnert diese Sonnenuhr an die vertikale Südsonnenuhr am Turm dieser Kirche, die ja bekanntlich von A. Kircher 1624 hergestellt wurde. Es ist nicht auszuschließen, daß zwischen beiden Sonnenuhren irgendwelche Zusammenhänge bestehen.“
Quelle: Eichsfelder Heimathefte 4/84, Manfred Kahlmeyer: Historische Sonnenuhren im Eichsfeld - Einige weitere Sonnenuhren und Restaurierungsarbeiten