Die Sage von der schweigenden Quelle zu Reifenstein
Zu alten Zeiten, da das Kloster Reifenstein noch jung war und die Wälder dichter standen als heute, kam ein Winter so hart und lang, dass selbst die Glocken im Turm erstarrten. Schnee lag wie ein Leichentuch auf Dächern und Wegen, und die Quelle im Klosterhof, die sonst munter rann, verstummte unter Eis und Reif.
In jenen Tagen lebte im Kloster ein greiser Bruder, den man Bruder Anselm nannte. Er war der Hüter der Quelle, und es war seine Pflicht, täglich nach ihr zu sehen, denn man sagte, ihr Wasser sei dem Kloster von Gott selbst geschenkt worden. Als nun die Kälte alle Dinge bannte, fürchteten die Brüder, die Quelle sei für immer verloren. Doch Bruder Anselm sprach: „Nicht das Eis hat sie verschlossen, sondern das Schweigen der Menschen.“
In der Nacht, als der Mond bleich über den Mauern stand und der Schnee im Hof knirschte wie fernes Flüstern, ging Anselm allein zur Quelle. Er legte seine Hand auf den gefrorenen Stein und sprach ein Gebet, so alt, dass es selbst die Mauern kannten.
Da geschah es, dass unter dem Eis ein leiser Klang erwachte – nicht wie Wasser, sondern wie Atem. Die Quelle begann erneut zu fließen, warm und klar, während ringsum der Winter herrschte.
Am Morgen fanden die Brüder Anselm tot an der Quelle, sein Antlitz mild und friedlich. Doch das Wasser floss weiter, und es fror nicht mehr zu, solange der Winter währte.
Seit jener Zeit, so erzählen es die Alten, darf niemand im Winter laut an der Quelle sprechen. Denn wer ihr Schweigen bricht, dem versagt sie ihr Wasser. Doch wer still lauscht, hört im Rinnen ein fernes Gebet – und der Winter verliert ein wenig von seiner Macht.
Quelle: Bild und Text nach meinen Vorlagen, bearbeitet von der KI