Die Hirsche am Hirschpark
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · Mittwoch 12 Nov 2025 · 2:00
Tags: Steingraben, Benderoths, Garten, Hirschpark
Tags: Steingraben, Benderoths, Garten, Hirschpark
Wer durch den herbstlichen Steingraben in Heiligenstadt spaziert, kommt an zwei steinernen Hirschen vorbei. Vielleicht kennt ihr auch die Geschichte von den beiden versteinerten Hirschen vom Hirschpark?
„An einem kühlen Herbstabend des Jahres 1867, als die neue Bahnlinie Halle – Kassel gebaut wurde und das Rattern der Lokomotiven zum ersten Mal durch die Wiesen hallte, herrschte im westlichen Teil der Stadt reges Treiben. Die Menschen sprachen von Fortschritt und Zukunft — doch keiner ahnte, dass in jener Nacht zwei uralte Hüter des Waldes ihren letzten Atemzug als Lebewesen tun würden. Am Rand des neuen Baugebiets, dort, wo heute die Unterführung zur Bahnhofstraße liegt, befand sich ein kleines Paradies: ein Garten voller duftender Akazien, verschlungene Wege aus Buchsbaumhecken und ein gemütliches Wirtshaus.
In den Akaziengärten erschien plötzlich ein leises Glimmen – zwei majestätische Hirsche, deren Geweihe in silbrigen Funken schimmerten, standen still zwischen den Buchsbaumhecken. Niemand wusste, woher sie kamen. Alte Leute sagten später, es seien Waldgeister gewesen, die seit Jahrhunderten den Ort beschützten, ehe der Mensch kam und das Land aufriss.
Lina Benderoth, die jüngste der Geschwister, sah sie zuerst. Sie trat hinaus in den Garten, barfuß, den Nachtwind im Haar, und sprach leise: „Bleibt bei uns – ihr gehört hierher.“
Doch der Ältere der beiden Hirsche hob sein Haupt und antwortete mit einer Stimme, die klang wie Wind in alten Bäumen: „Wo Stein wächst, stirbt der Wald. Wo Eisen fährt, endet unser Lauf.“
Da dröhnten die Räder der Bahn, und der Boden bebte. Ein heller Blitz zog über den Himmel, als würde die Erde selbst den Atem anhalten. Als das Licht verging, standen die beiden Hirsche still – und nie wieder bewegten sie sich.
Am nächsten Morgen fand Karl Benderoth sie – zwei Hirsche aus grauem Stein, so fein gearbeitet, dass man jede Ader, jede Faser des Fells zu erkennen glaubte. Niemand konnte erklären, wie sie dorthin gekommen waren. Seitdem nennt man den Ort Hirschpark, und die Menschen erzählen sich, dass in stillen Nächten, wenn der Wind durch die Akazien zieht, ein fernes Klirren zu hören sei – als würde Stein sich regen.“
Quelle: Eigene Idee und Umsetzung mit KI - Bild: 2025 © Thomas Schuster Heiligenstadt