Die Gründung der FDJ im Eichsfeld
Am 7. März 1946 wurde die Freie Deutsche Jugend als selbständige Jugendorganisation gegründet. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) förderte den Aufbau dieser Bewegung.
„… In einigen Städten und Dörfern des Landes Thüringen, wo Kommunisten arbeiteten, organisierten sich auf der Grundlage der Forderung des Parteiaktivs der KPD im Konzentrationslager Buchenwald nach „Schaffung einer freien deutschen Jugendbewegung“ bereits früh antifaschistische Jugendausschüsse, z. B. in Weimar, Erfurt, Gera, Arnstadt, Nordhausen und Bleicherode. In Weimar kamen unter der Führung von Hermann Axen erstmals am 17. Mai 1945 Jugendliche zusammen.“ Im September des Jahres gab es in allen Kreisstädten Thüringens antifaschistische Jugendausschüsse', so auch im Landkreis Eichsfeld in Heiligenstadt. …“
Im katholischen Eichsfeld regte sich aber Widerstand und das Bestreben, eigene unabhängige Jugendorganisationen zu gründen. Hans Demme beschreibt die Uneinigkeit zwischen der katholischen Kirche und den regierenden Parteien:
„… Dieser Einsicht folgend, widersetzten sich im Eichsfeld nicht nur die Genossen der KPD und der SPD allen Versuchen, separate Jugendorganisationen zu bilden, und sie fanden vielfältige Unterstützung auch durch einsichtsvolle Christen. An vornehmster Stelle muß in diesem Zusammenhang der ehemalige Bischöfliche Kommissarius, Propst Josef Streb, genannt werden. An der Seite von Repräsentanten der Arbeiterklasse wie August Frölich, humanistischer Schriftsteller wie Ricarda Huch und des evangelischen Landesbischofs von Thüringen D. Moritz Mitzenheim gehörte er der verfassungsgebenden Landesversammlung von Thüringen an. „Mutig und zuversichtlich half er mit, die vom Faschismus hinterlassenen ideellen und materiellen Trümmer zu beseitigen ... “. Er zählte zu den Mitbegründern der „Thüringen-Aktion gegen Not“, der Vorläuferin der heutigen Volkssolidarität. Wesentlich war seine Rolle in den Auseinandersetzungen der christlichen Demokraten, „bis sie erkannten, was sie tun müßten, um in Wahrheit dem Fortschritt zu dienen“, bis sie sich gewöhnten, „um Klarheit in politischen Grundfragen (zu) ringen, etwa in der Zusammenarbeit von Kommunisten und Christen, die sich im Eichsfeld zunehmend durchsetzte, auch wenn Papst Pius XII. 1950 seinen Bannfluch gegen alle Katholiken schleuderte, die diesen Weg gingen. …“
Im Eichsfeld arbeitete die Kirche mit der Partei und den Offizieren der Besatzungsmacht eng zusammen: „Als man Josef Streb einmal in unbelehrbaren kirchlichen Kreisen den ,roten Prälaten' nannte, ärgerte er sich weniger über die Formulierung, an der er sogar Freude zu haben schien, als vielmehr über die Art, durch die man ihn zu verletzen suchte.“
Im Oktober 1945 begann man, einen Jugendausschuss aufzubauen, um im Eichsfeld eine Jugendbewegung zu gründen. Verantwortlicher bei der KPD-Kreisleitung war Theodor Forkel. Er gewann dazu Gerhard Schinkel (KPD), Gustav Anhalt (SPD) und Paul Schymz (CDU).
„… Anfang Dezember 1945 führte Gerhard Schinkel die erste Beratung mit Paul Schyma und Gustav Anhalt durch. Im Hinterzimmer des Heiligenstädter Gasthauses „Zum Goldenen Löwen“ kam man überein, für den Kreis Eichsfeld eine einheitliche freie deutsche Jugendorganisation (F. d. J.) zu schaffen. … Wenige Tage nach dieser ersten Beratung konstituierte sich der antifaschistisch-demokratische Jugendausschuss. Dem Beispiel des Blocks der antifaschistisch-demokratischen Parteien folgend, wurde das Prinzip der Parität beachtet. Da die LDPD keine Vertreter benannt hatte, setzte sich der Ausschuß aus jungen Mitgliedern der KPD, der SPD sowie der CDU zusammen. Außer den drei „Gründern“ zählten u. a. dazu: Egon Hebestreit, Albert Nolte, Lotti Pinkert und Heinz Sobiczewski. Eigenartigerweise war von Anfang an die Bezeichnung FDJ im Sprachgebrauch, deshalb nannte sich der Ausschuß „Komitee der Freien Deutschen Jugendbewegung“. Dieser Name wurde auch von der sowjetischen Militärkommandantur akzeptiert. Über das erste Vorhaben des Komitees berichtet Gerhard Schinkel:
„Es war uns klar, daß wir zunächst in einem Ort Fuß fassen mußten. Erst dann war an eine Ausdehnung auf das gesamte Eichsfeld zu denken. Dieser Ort konnte nur Heiligenstadt sein.“ Für den 13. Dezember 1945 wurde der 1. Heimabend der Freien Deutschen Jugendbewegung Heiligenstadt angekündet. Er fand im evangelischen Jünglingsheim neben der St. Martin-Kirche statt, und man kann dieses Datum als Gründungsdatum der FDJ auf dem Eichsfeld ansehen, weil sich von diesem Tage an, über die Mitglieder des „Kreiskomitees“ hinaus, weitere Jugendliche zur einheitlichen Jugendbewegung bekannten und sich von Stund an als Angehörige der FDJ bezeichneten. …“
Über den ersten Abend schrieb Lotti Pinkert:
„Es haben ungefähr 70 Jugendliche der Einladung ... Folge geleistet, bedauerlicherweise befanden sich darunter nur ungefähr 6 Mädels ... Die Gründe dafür sind allerdings darin zu suchen, daß die Vorbereitungszeit zu kurz war und demzufolge die meisten Jugendlichen von diesem Abend keine Kenntnis bekommen hatten. Nach einer kurzen musikalischen Einleitung (ein Jugendlicher hatte sich zur Verfügung gestellt) eröffnete G. Anhalt (SPD) gegen 20 Uhr den Heimabend ... und erteilte dem Gen. Forkel das Wort. Gen. Forkel sprach über das Thema: Der neue Weg der Jugend. Seine Worte waren ansich stilistisch einwandfrei, nur wurden sie von der Jugend, für die sie bestimmt waren, nicht verstanden und als zu hart und zu offen empfunden. Die Jugendlichen fühlten sich dadurch herabgesetzt ... , obwohl das, was ihnen gesagt wurde, tatsächlich der Wahrheit entsprach. Fest steht, daß die Jugend durch die 12 Jahre Hitlerdiktatur nicht besser, sondern, wie Gen. Forkel ausführte, schlechter geworden ist.
Ich selbst möchte dazu bemerken, daß man an sich die Jugend dafür nicht verantwortlich machen kann, denn sie sucht sich in jeder Zeit ihre Ideale und glaubte auch in den letzten Jahren teilweise das Richtige für sich gefunden zu haben ... Es muß nun unter allen Umständen versucht werden, und jeder von uns hat sich mit seiner ganzen Person dafür einzusetzen, daß die Jugend auf einen anderen, besseren Weg gebracht wird, daß Deutschland wieder eine Jugend bekommt, die neben der Jugend der Welt bestehen kann und die vor allen Dingen gut wird und ist. …“
Am 17. Dezember 1945 fand im „Reichshof“ die erste öffentliche Jugendversammlung statt. Hier sprach der Rektor des Heiligenstädter Jungengymnasiums, Dr. Konopka, zum Thema „Die deutsche Jugend und der Nürnberger Prozeß“ vor etwa 200 Jugendlichen. Im Januar 1946 wurden die ersten Dorfgruppen gebildet. Eine offizielle Mitgliedschaft gab es bis dahin nicht. Bei der Suche nach Räumlichkeiten wurden der sowjetische Kommandant Major Dsilichow und der verantwortliche Offizier für Kultur, Volksbildung und Jugendarbeit, Hauptmann Rossow, hinzugezogen:
„… Genosse Forkel bat mich eines Tages während der Arbeit nach draußen. Da stand ein sowjetischer Offizier mit einem Opel P 4, der uns aufforderte, einzusteigen, und los ging die Suche nach einem entsprechenden Haus für uns. D. h., der sowjetische Genosse forderte uns immer wieder bei der Fahrt durch die Stadt auf, ein Haus auszuwählen ... " Theodor Forkel beschreibt gleichfalls diese Fahrt: ,Fast schien es mir so, als wäre alle Mühe umsonst gewesen. Aber dann hielt der Wagen vor einer Villa, die dem Zigarrenfabrikanten Kunze gehörte, wo aber z. Zt. sowjetische Offiziere wohnten ... Wir gingen zusammen in dieses Haus und betrachteten genau alle Räume. Nach diesem Rundgang gab er (Hauptmann Rossow, H. D.) mir die Hand und beglückwünschte mich und sprach: ,Dieses Haus soll ab heute der Jugend zur Verfügung stehen!.“
Das erste FDJ-Jugendzentrum war die Villa Lampe an der Kreuzung Kasseler Tor – Holzweg - Liesebühl.
Nach der Zustimmung der SMAD am 7. März 1946 zur Gründung der FDJ wurde im Eichsfeld am 31. März 1946 das 1. Kreisjugendtreffen in Heiligenstadt im „Feldschlößchen“ durchgeführt. Es kamen mehrere hundert Delegierte, die von der Heiligenstädter Bevölkerung in ca. 300 Privatquartiere untergebracht wurden. In Worbis wurde die FDJ-Zentrale im Schützenhaus am Altenbrunnen eingerichtet. Außer in Birkungen bestanden in allen Gemeinden aktive FDJ-Gruppen. Im November 1946 wurde das Schloss in Martinfeld als Kreisjugendschule übergeben, dass zwischen den Lehrgängen es als Jugenderholungsheim diente.
Quelle: Eichsfelder Heimathefte 1/1986 Hans Demme – Bild: Gaststätte „Zum Goldenen Löwen“ in der Wilhelmstraße 75 in Heiligenstadt in den 1950er Jahren