Die Fahrt vom Bornberg – eine Eichsfelder Hexensage
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · Donnerstag 30 Apr 2026 · 3:15
Tags: Walpurgis, Maisprung
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Im Eichsfeld sagt man, dass es Nächte gibt, in denen die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der alten Kräfte dünn wird. Besonders in der Zeit um die Walpurgisnacht, wenn der Frühling endgültig den Winter vertreibt, liegt etwas Unruhiges in der Luft. Dann beginnt es am Bornberg bei Burg Bodenstein.
Die Alten in den Dörfern erzählen, dass der Bornberg kein gewöhnlicher Hügel sei. Schon lange bevor die Burg stand, soll er ein Versammlungsort gewesen sein — ein Platz, an dem „die Anderen“ zusammenkamen. Manche sprechen von weisen Frauen, andere nennen sie beim Namen: Hexen.
Und genau dort beginnt auch diese Geschichte.
Es war eine jener Nächte, in denen der Mond groß über dem Land stand. Ein Müller aus einem Dorf nahe Worbis – so erzählt man – konnte nicht schlafen. Sein Hund jaulte, und das Vieh im Stall war unruhig. Also trat er hinaus und blickte hinauf zum Bornberg.
Da sah er sie. Erst eine. Dann viele.
Schwarze Gestalten, die sich gegen den Himmel abhoben. Einige ritten auf Besen, andere – so schwor er später – auf Mistgabeln oder sogar auf Ziegenböcken, ganz so, wie es auch in den alten Harzer Geschichten über den Brocken berichtet wird.
Denn dort, auf dem Brocken, sollte sich alles entscheiden.
Die Hexen des Eichsfeldes hatten sich versammelt. Unter ihnen war auch die „Schwarze Lene“, eine Gestalt aus den Sagen der Region, der man nachsagte, sie könne Nebel rufen und Menschen in die Irre führen. Neben ihr stand eine jüngere, noch unerfahrene Hexe, die zum ersten Mal mitfliegen durfte.
„Habt keine Furcht“, flüsterte eine der Alten.
„Der Weg ist lang, aber die Nacht trägt uns.“
Dann erhob sich ein Windstoß — und mit ihm die Hexen. Was der Müller in dieser Nacht sah, bestätigte viele alte Erzählungen:
Dass Hexen sich vor dem Flug mit geheimen Salben bestrichen.
Dass sie mit einem Spruch die Luft bezwingen konnten.
Und dass ihr Ziel immer derselbe Ort war: der Brocken, auch Blocksberg genannt — der berühmteste Versammlungsplatz der Hexen im deutschen Volksglauben.
Dort, so heißt es in unzähligen Sagen aus dem Harz, feiern sie in der Walpurgisnacht ein wildes Fest, tanzen mit Geistern und treiben Schabernack mit denen, die sich zu nah heranwagen.
Doch im Eichsfeld gibt es eine Besonderheit.
Hier erzählt man sich, dass nicht alle Hexen böse waren.
Einige galten als „weise Frauen“, die Kräuter kannten, Krankheiten heilten und den Menschen halfen. Doch selbst sie mussten sich in jener Nacht entscheiden: bleiben — oder mitfliegen.
Denn wer einmal den Weg zum Brocken antrat, so sagte man, kehrte verändert zurück.
Der Müller jedenfalls schwor, dass der Himmel voller Leben gewesen sei. Dass er Stimmen gehört habe — ein Lachen, das der Wind davontrug. Und dass der Mond für einen Moment dunkler wurde, als die Hexen ihn kreuzten.
Am nächsten Morgen fand man ihn still und nachdenklich. Er sprach nicht mehr viel über das, was er gesehen hatte. Nur eines sagte er noch: „Sie treffen sich wirklich dort oben… am Bornberg. Und wenn der Wind richtig steht, kannst du sie hören.“
Bis heute erzählen sich die Menschen im Eichsfeld diese Geschichten.
Und wer in einer klaren Frühlingsnacht den Blick zum Bornberg hebt und weiter zum Brocken, der könnte meinen, für einen Augenblick etwas zu sehen, das sich nicht erklären lässt.
Ein Schatten im Mondlicht.
Ein leises Fliegen über den Himmel.
Oder nur den Wind.
Quelle: Eigene Aufzeichnungen – Bild: Blick vom Bornberg zum Brocken (Hexen von KI eingefügt) © Thomas Schuster Heiligenstadt