Die Burg Hanstein – alte Siedlungsgeschichte
„Das Gebirge, auf
dessen Rücken die stolze Ruine Hansteins sich erhebt, gehörte in der Zeit, an
welche sich die zarten Fäden der inneren Geschichte Deutschlands anknüpfen
lassen, im 7. u. 8. Jahrhundert n. Ch., zum thüringischen Gau Germaramark, oder
es bildete vielmehr die nördliche Spitze dieses längs der Werra bis über
Eschwege hinauf sich hinziehenden Gaues. Doch nicht bloß auf der Schneide eines
Gaues zog sich dieses Gebirge hin, sondern es trennte auch drei mächtige,
kriegerische und was noch mehr ist, mit gegenseitigem Haß erfüllte deutsche
Völker, Völker, welche eben durch ihre gegenseitigen Vernichtungskämpfte ihre
Namen in der Geschichte verewigt haben. Stellen wir uns im Geiste auf den
Punkt, von welchem herab die Thürme des Hansteins ins Land hinausschauen, und
richten wir unsere Blicke noch Osten, von dem Höhberg hin bis zu den
waldumkränzten Kuppen des Thüringerwaldes, so würden wir in jenem Jahrhundert
die Höfe, Weiler, Dörfer und Burgen des fleißigen Thüringervolkes erblicken.
Gegen Norden aber
sind bereits die zerstreuten Gehöfe der Sachsen bis an den Fuß des Gebirges
gerückt und westlich hat der Franke das linke Ufer der vorbeifließenden Werra
besetzt, so daß die nahe Stadt Witzenhausen noch im 14. Jahrhundert urkundlich
nachweisen konnte, daß sie auf fränkischem Boden liege und fränkisches Recht
genieße. In der That giebt es vielleicht keinen Punkt in Deutschland, auf
welchem die drei feindlichen Völker so nahe an einander stießen, als dieses am
Fuße des Hansteins der Fall war, und merkwürdiger Meise zeigt sich noch in
unseren Tagen diese dreifache Völkernscheide in vielen Anklängen der Sprache
und der Sitten; noch ertönt bis nahe an dem Fuß des Hansteins das wohllautene
Sassisch, gewöhnlich Plattdeutsch genannt, während die benachbarten Bewohner
des Werrathals und des Eichsfeldes durch ihren fast singenden Accent, der durch
Buchstaben sich nicht ausdrücken läßt, ihre Verwandtschaft mit den Thüringern
beurkunden, und die rauhe, volle Sprache der Witzenhäuser an die fränkische Kraftsprache
erinnert, welche unter Carl dem Großen italienischen Ohren so rauh und
widerlich erklang, daß der Kirchengesang der Franken mit dem Rollen eines
plumpen Wagens auf einem Knüppeldamm von ihnen verglichen wurde. - So wunderbar
ist aber die Macht der Stammesverschiedenheit, so zähe ihre Gewalt, daß mehr
als tausend Jahre mit allen ihren Erschütterungen und ihren Ineinanderrütteln
nicht im Stande waren, den Grundcharacter der Volksstämme auf einem so kleinen
Raume zu vertilgen. …“
Quelle: Carl
Philipp Emil von Hanstein: „Urkundliche Geschichte des Geschlechts der von
Hanstein“ - Zweiter Abschnitt. Geschichte der Burg Hanstein – Bild: Hanstein um
1900 (bearbeitet) © Thomas Schuster Heiligenstadt