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Das Jahr 1990
Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Zeitgeschehen · Freitag 03 Okt 2025 · Lesezeit 4:00
Tags: TagderDeutschenArbeit
Mit dem Fall der Mauer starteten westdeutsche Unternehmen einen beispiellosen Expansionszug durch Ostdeutschland. Beim Einzug der Marktwirtschaft griff man teils auch zu fragwürdigen oder rücksichtslosen Mitteln, was in der DDR schnell Unmut hervorrief. Ein deutliches politisches Signal setzte die erste Leipziger Montagsdemonstration am 8. Januar, bei der die Forderung „Deutschland, einig Vaterland“ dominierte. Ministerpräsident Hans Modrow erklärte am 11. Januar in einer Regierungserklärung jedoch, dass eine Währungsunion nicht vorgesehen sei.

Ende Januar beschloss der Ministerrat erste Wirtschaftsreformen. In Handwerk, Handel und Dienstleistungen wurde Gewerbefreiheit eingeführt, zudem erlaubte eine Verordnung die Beteiligung ausländischer Investoren bis zu 49 Prozent, in Ausnahmefällen auch darüber hinaus. Am 29. Januar wurde Erich Honecker, der nach einer Krebsoperation als haftunfähig galt, dennoch aus dem Krankenhaus verhaftet. Auf Initiative kirchlicher Vermittler fand das Ehepaar Honecker vorübergehend Zuflucht bei Pastor Uwe Holmer in Lobetal bei Bernau. Im selben Monat verließen über 75.000 Menschen die DDR in Richtung Westen.

Am 18. März fanden die ersten freien Volkskammerwahlen statt. Zur Wahl traten 24 Parteien und Listenvereinigungen an, 12,2 Millionen Menschen waren stimmberechtigt, die Wahlbeteiligung lag bei 93,39 Prozent. Überraschend gewann die konservative „Allianz für Deutschland“ mit 47,8 Prozent der Stimmen deutlich. Die CDU erreichte 40,6 Prozent, die DSU 6,3 Prozent und der „Demokratische Aufbruch“ 0,9 Prozent. Die SPD kam auf 21,8 Prozent, die PDS auf 16,3 Prozent. Am 5. April wurde Sabine Bergmann-Pohl (CDU) zur Präsidentin der Volkskammer gewählt. Am 10. April übernahm sie zusätzlich die Aufgaben des Staatsratsvorsitzenden und war damit amtierendes Staatsoberhaupt der DDR. Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) sprach sich am 19. April in seiner Regierungserklärung für eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion aus und kündigte den Umtauschkurs DDR-Mark zu D-Mark im Verhältnis 1:1 an. Gleichzeitig betonte er, dass DDR-Bürger nicht das Gefühl haben dürften, Bürger zweiter Klasse zu sein. Für seine „behutsame Politik“ dankte er seinem Vorgänger Hans Modrow (PDS). Zur Kontrolle der Stasi-Auflösung setzte die Volkskammer am 7. Juni einen Sonderausschuss ein, dessen Vorsitz Pfarrer Joachim Gauck (Bündnis 90) übernahm.

Am 1. Juli wurde die D-Mark in der DDR eingeführt. Rund 25 Milliarden DM wurden in Form von 6000 Tonnen Banknoten und 500 Tonnen Münzen verteilt. Der Übergang verlief erstaunlich ruhig; am ersten Tag wurde nur ein Viertel des bereitgestellten Betrags ausgegeben. Am 22. Juli beschloss die Volkskammer die Wiedereinführung der 1952 abgeschafften Länder. Am 14. Oktober sollten Landtagswahlen stattfinden. Die neuen Bundesländer erhielten die Namen Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Am 2. Oktober um Mitternacht endete die Existenz der DDR – am 3. Oktober begann die staatliche Einheit im vereinten Deutschland. Mit einer offiziellen Feier am Reichstag und Brandenburger Tor sowie unzähligen Festen im ganzen Land wurde die Wiedervereinigung begrüßt. Bundeskanzler Helmut Kohl erinnerte dabei daran, die deutsche Verantwortung für Krieg und nationalsozialistische Verbrechen nicht zu vergessen.
Am 20. Dezember trat der erste gesamtdeutsche Bundestag im Berliner Reichstag zusammen. Rita Süßmuth (CDU) wurde mit breiter Mehrheit erneut zur Bundestagspräsidentin gewählt.

Das Eichsfeld 1990
Die Euphorie des Herbstes 1989 setzte sich auch im folgenden Jahr fort. Die Menschen im Obereichsfeld konnten nun selbst über ihre Zukunft entscheiden. Am 7. Januar bildeten Tausende zwischen Hohengandern und Teistungen eine Menschenkette als Symbol der „friedlichen Revolution“. Bei den Montagsdemonstrationen, besonders in Dingelstädt, riefen die Menschen: „Wir sind ein Volk, wir sind ein Eichsfeld, wir sind ein Deutschland.“
Ein besonderer Höhepunkt war die „Kofferdemo“ am 21. Januar, eine symbolische Massenflucht mit über 50.000 Teilnehmern zwischen Teistungen und Gerblingerode. Mitte Januar entstand zudem eine „Grüne Partei“. Bundespräsidentin Rita Süßmuth besuchte Leinefelde und Heiligenstadt, um den Demokratisierungsprozess zu unterstützen.
Bei den Volkskammerwahlen am 18. März erzielte die CDU im Kreis Heiligenstadt 79,3 Prozent, im Kreis Worbis 72,6 Prozent. Die SPD kam auf 11,7 bzw. 10,6 Prozent. Dieses Muster setzte sich bei den Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen fort. Im ersten frei gewählten Parlament der DDR waren mit Dr. Werner Henning, Rolf Berend und Willibald Böck (alle CDU) auch Vertreter aus dem Eichsfeld vertreten. In der ersten Thüringer Landesregierung erhielten Willibald Böck das Innen- und Dieter Althaus das Kultusressort.

Im Frühjahr rief der Heiligenstädter Bürgermeister Bernd Beck die rund 7.200 Bürgermeister der DDR dazu auf, die kommunale Selbstverwaltung wiederherzustellen. Am 26. Mai wurde mit einem Festakt die Bahnlinie zwischen Arenshausen und Eichenberg wiedereröffnet. Einen Vorgeschmack auf die Wiedervereinigung am 3. Oktober erhielten die Eichsfelder schon am 5. September, als Bundeskanzler Helmut Kohl Heiligenstadt besuchte.

Quelle: Eigene Aufzeichnungen – Bild: Demo im Januar 1990 in Dingelstädt © Thomas Schuster Heiligenstadt


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