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Aus dem Archiv: Zur Geschichte des Heiligenstädter Waisenhauses
Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · Sonntag 30 Aug 2026 · Lesezeit 4 Minuten
Tags: WaisenhausWilhelmstraßeGöttingerStraße
„Am 16. Januar feierte das katholische Waisenhaus in Heiligenstadt den 200. Gedenktag seines Bestehens. Es dürfte daher manchem nicht uninteressant sein, näheres über die Gründung sowie über die Persönlichkeit seines Stifters zu erfahren.
Während das Hospital „Zum hl. Geist“ mindestens seit dem 13. Jahrhundert besteht, wurde das Waisenhaus fast ein halbes Jahrtausend später gegründet. Der Stifter des letzteren ist ein Heiligenstädter namens Ignaz Urban Glesener (Gläsner), der 1646 geboren wurde. Er verheiratete sich nicht, und da er 30 Jahre lang Oberamtmann (Amtsvogt) auf Bischoffstein und Greifenstein war, erwarb er sich ein ansehnliches Vermögen. Er starb am 25. Januar 1706 und wurde seinem letzten Willen gemäß in der Ägidienkirche zu Heiligenstadt beigesetzt. In seinem Testamente vermachte er fast sein ganzes Vermögen, bestehend aus einem Wohnhause (an der Wilhelmstraße auf dem Platze des jetzigen Gefängnisses gelegen), 104 Morgen Land, 17 Morgen Wiesen, 3 Gärten und einigem Gelde den armen Waisenknaben. Aus dem Testamente (vom 16. Januar 1706) sei folgende Stelle mitgeteilt:*)

„Ich will demnächst gott dem allmächtigen zu Ehren und denen armen Weysen hiesiger Landschaft des Eichsfeldes zum besten mein Wohnhauß zu Heiligenstadt nebst aller Länderey, Gärten und Wiesen, auch alles, was nach meinem Tode an Baarschaft, Früchten, Hausgeräte, Mobilien und Moventien vorhanden sein wird, ausgenommen, wie unten gemeldet werden soll, zu einer immerwährenden fundation hiemit also und dergestalt vertestiert und legiert haben, daß besagte arme Weysen, und zwar diejenige, so katholischer Religion, männlichen Geschlechts, von ehelichen Eltern ehelich erzeugt und gebohren, sobald dieselben laufen und reden können, als haeredes mei, nebst einem Weysen-Vater kraft dieser fundation von besagt meinem Hauße und allen meinen Gütern, bis sie zum studieren oder Erlernung eines Handwerchs, nach befinden, tauglich seyn werden, ernehrt und erhalten werden sollen, inmaßen dem Herrn Schultheißen, Bürgermeistern und Rath zu Heiligenstadt hierüber die inspection und Aufsicht dahin committiere und auftrage, daß dieselben besagter meiner intention gemäß, soviel arme ganz elterlose Weysen als ... erhalten werden können, annehmen und denen einen inspectorn oder Weysenvater, der über Einnahme und Ausgabe E. E. Rath alljährige richtige Rechnung abzulegen und die „armen Weysen zu allem Guten anzuweisen schuldig und verbunden — bestellen sollen ...“

In dem Gläsnerschen Hause wohnten die Waisen bis zum großen Brande 1739. Da die Baustelle zum Gefängnis mitverwandt wurde, erhielten sie in dem vorderen Teile desselben ihre Wohnung. 1747 aber kaufte die kurfürstliche Regierung ein Haus, auf dessen Stelle das jetzige, 1879 erbaute Waisenhaus liegt. Damit die Knaben ein Handwerk erlernen könnten, schenkte Frau v. Steinmetzen 1000 fl. Jetzt werden nicht nur Knaben, sondern auch Mädchen im Waisenhause erzogen. Sie stehen nicht mehr unter dem Waisenvater, sondern unter der Obhut von Ordensschwestern.“

Bemerkungen

Das heutige „Golden-Kreuz-Gebäude“ wurde erst nach dem Stadtbrand 1739 errichtet, ebenso die gleichnamige Gasse. Sie ist im Stadtplan von Pastor Fluk 1646 nicht eingezeichnet. An dieser auf dem Bild gekennzeichneten Stelle stand das ehemalige Wohnhaus von Gläsener. Das Gebäude erhielt den Namen von dem goldenen Kreuz, das auf dem Bild nur schwach sichtbar ist.
Von 1706 bis zum Brand im Jahre 1739 wohnten die Waisen in dem von Gläsener gestifteten Wohnhaus. Nach dem Brand wurde das heutige Gebäude im Jahre 1740 auf den Grundstücken von 8 verbrannten Häusern errichtet.
Das Gebäude hat seitdem eine bewegte Geschichte, es war Waisenhaus, Apotheke, Druckerei, Gefängnis, Polizeistation, Tabakfabrik und heute Geschäftshaus.

Quelle: G. H. K. - Unser Eichsfeld 1/1906 *) Es ist abgedruckt in Wolfs Geschichte der Stadt Heiligenstadt – Bild: Gebäude im Jahre 1933 mit Zeichnung von Fluk © Thomas Schuster Heiligenstadt



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