Aus dem Archiv: Zur frühen Siedlungsgeschichte Großbodungens
„Bodenfunde aus der Umgebung Großbodungens, vor allem von
der Hasenburg, zeigen, daß das Gebiet mindestens seit der späten Jungsteinzeit
wiederholt von Menschen aufgesucht worden ist oder bewohnt war. Eine
durchgehende Siedlungsperiode ist von der vorrömischen Eisenzeit bis zur frühen
Völkerwanderungszeit anzunehmen. Sie wird durch reichen Fundniederschlag der
frühen Eisenzeit von der Hasenburg, einzelne Keramikfunde der vorrömischen
Eisenzeit und der römischen Kaiserzeit von verschiedenen Stellen des
Hasenburgumlandes, durch provinzialrömische Funde von der Hasenburg und den
nördlich von Großbodungen zutage gekommenen Schatzfund des frühen 5.
Jahrhunderts belegt. In Großbodungen selbst wurden mehrere vor- bis
frühgeschichtliche Tonscherben dicht südwestlich des Schlosses gefunden, von
denen einige wahrscheinlich aus der römischen Kaiserzeit stammen. Der Beginn
der kontinuierlichen Besiedlung des Hasenburgumlandes läßt sich erst durch
Keramik der wellenbandverzierten Gruppe (8. bis 10. Jahrhundert) sicher
erschließen; die stärkere Verbreitung früher Kugeltöpfe weist auf eine
intensivere Siedlungstätigkeit im 10./11. Jahrhundert hin.56 Das Fehlen
völkerwanderungszeitlicher Grab- und Siedlungsfunde entspricht der Fundlage im
gesamten Südharz-Eichsfeld-Bereich.
Obwohl sich eine Siedlungskontinuität während der
Völkerwanderungszeit im Hasenburgumland nicht belegen läßt, wenn man allein die
Bodenfunde betrachtet, spricht der Ortsname von Großbodungen für eine solche
Siedlungskontinuität. Die Gründungen von Ingen-/Ungen-Orten werden mit der
germanischen Landnahme in Zusammenhang gebracht. Im Ortsnamen (Bodungen, auch
Badungen, Padungen) drückt sich wohl eher die Zugehörigkeit der Siedlung zu
einem Gewässer (der Bode) als zu einer Person aus. Eine Ableitung des Namens
„Bode“ von got. bautha (= stumm) ist denkbar, zumal der Gegensatz zum Namen der
Wipper (= lebhaftes Wasser), in die die Bode mündet, die Bode sinnvoll als
ruhiges Gewässer charakterisieren würde.
Die vermutlich ältesten urkundlichen Erwähnungen von
(Groß) Bodungen lassen sich nicht sicher unserem Ort zuweisen. Während die
Erwähnung des Zehntrechts in einer villa botaha in einer Urkunde Karls des
Großen von 770 kaum Großbodungen betrifft, werden die Erwähnungen im Fuldaer
Klostergüterverzeichnis (vor 900; wohl zwischen 744 und 779) jedoch mit großer
Wahrscheinlichkeit unser Bodungen meinen. Dieses Verzeichnis führt zum einen
Wicger und Brunger, zum anderen einen Eigel auf, die in Badungen tradieren. Es
wäre denkbar, daß der erwähnte Eigel im Bereich der Kemnot ansässig war. Nach
R. Wenskus verbergen sich hinter diesen Namen von Adligen im
sächsisch-thüringischen Kontaktgebiet süddeutsche Abstammungs- bzw.
Verwandtschaftsbeziehungen. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen
Eigel, dem Geschlecht der Esikonen und dem Namen der Hasenburg, die noch im 11.
Jahrhundert Asenburg genannt wurde.
Beziehungen zu Sachsen deuten sich auch in der Nennung von
Hufen in Badungen an, die Richardis von Stade 1124 mit dem Koster Gerode dem
Erzstift Mainz übergibt. In dieser Urkunde erscheint der Ortsname ohne Zusatz.
Dagegen werden 1262 dem Kloster Gerode Hufen in beiden Bodungen bestätigt.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte die Siedlungsentwicklung über das Stadium
locker gruppierter Einzelhöfe hinaus zu einem engeren Siedlungskern geführt
haben, der sicherlich mit dem Gelände zwischen Kemnot und Markt identifiziert
werden kann.
Seit 1186 tauchen in Urkunden Vertreter eines sich nach
Großbodungen nennenden Ministerialengeschlechts auf. Zeitlich fällt ihr
Erscheinen mit dem Erstarken der Zentralgewalt unter Friedrich I. von
Hohenstaufen und speziell der Einsetzung der Clettenberger Grafen am Südharz
zusammen. Bis 1210 erscheinen Herward, Hartmann und Burchard von Bodungen als
Zeugen in Urkunden der Erzbischöfe von Mainz, wobei sich jedoch eine
Zugehörigkeit Großbodungens zum Erzbistum Mainz nicht erschließen läßt. Es ist durchaus
denkbar, daß mit dem Auftreten der Herren von Bodungen die Wasserburg auf dem
Gelände des Schlosses erbaut und der engere Siedlungskern angelegt wurde. Wegen
der im 12. Jahrhundert häufigeren Anlage von Marktsiedlungen bei Klöstern,
Pfalzen und Burgen70 ist auch für Großbodungen ein früher Nahhandelsplatz als
wichtiges Element der Ortsentstehung in Erwägung zu ziehen.
Ab 1253 tauchen Edle von Bodungen häufiger in Urkunden
auf; bis 1268 überwiegend in solchen der Grafen von Beichlingen. 1259 nennt der
Edle Burchard von Bodungen Friedrich von Lohra seinen Herrn und erscheint mit
dem Zusatz „genannt“ von Bodungen. Demzufolge werden die Herren von Bodungen
seit der Mitte des 13. Jahrhunderts nicht mehr in Großbodungen gesessen haben.
Zusammenhänge mit dem Tiefpunkt der Zentralgewalt in Deutschland und den
Machtkämpfen in Thüringen nach dem Aussterben der Ludowinger lassen sich nur
vermuten. Für die lokale Geschichte werden zwei Ereignisse von besonderer
Bedeutung gewesen sein: 1253 bereiten die Grafen von Honstein dem Clettenberger
Komitat durch Eroberung der Burg Clettenberg ein Ende, 1256 zerstören Bürger
die kaiserliche Burg in Mühlhausen. Herren von Bodungen werden in der Folgezeit
u. a. als Burgmänner des Herzogs von Braunschweig und der Erzbischöfe von Mainz
genannt. Die Erwähnungen der Herren von Bodungen in der zweiten Hälfte des 13.
und im 14. Jahrhundert lassen sowohl hinsichtlich ihrer Ämter als auch ihres
Besitzes stärkere Beziehungen zum Obereichsfeld als zu Großbodungen erkennen.
Auf Großbodungen weisen nur die Verpfändung einer Hufe in Wallrode und der
Verkauf eines Jahreszinses von der curia Husen. Möglicherweise haben sich
politische Ereignisse in der Mitte des 13. Jahrhunderts ungünstig auf die
Siedlungsentwicklung Großbodungens ausgewirkt. Ein Ausbau zur Stadt wie z. B.
im Falle des benachbarten Bleicherode (1322) blieb jedenfalls aus. Im 13. und
14. Jahrhundert werden im Vorfeld des älteren Siedlungskerns die Höfe entlang
des Fließwassers unterhalb der Kemnot zu einer Kette, dem östlichen Teil der
später so genannten Fleckenstraße, zusammengewachsen sein. Danach dürfte man
spätestens bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts die Ortsbefestigung angelegt
haben.
Die Tendenz der Ortserweiterung bachabwärts setzte sich in der frühen
Neuzeit außerhalb der spätmittelalterlichen Ortsbefestigung fort, wobei wieder
eine Vorsiedlung, die „Unterstadt“, entstand. Im späten Mittelalter gehörte
Großbodungen zur Grafschaft Honstein. 1370 wird der Ort als Bestandteil dieser
Grafschaft in einer Pfändungsurkunde erwähnt. In der Lehnsurkunde von 1461 wird
Großbodungen erstmals als Mittelpunkt eines weiteren dazugehörigen Schloßbezirks
genannt. Zu dieser Zeit besaß die Gemeinde des Ortes neben dem Schloß bereits
eine wesentliche Bedeutung. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gemeinde
dokumentiert sich in der Übernahme von Bürgschaften für von den Honsteiner
Grafen erborgte Kapitalien 1471 und 1490. Das Beispiel Großbodungens zeigt, wie
verschiedenartige mittelalterliche Befestigungsanlagen die dörfliche
Siedlungsentwicklung geprägt haben. In Großbodungen wurde an einem
siedlungsgeschichtlich schon seit frühgeschichtlicher Zeit bedeutsamen Platz
eine mittelalterliche Herrenburg errichtet. Im Vorfeld des zu dieser Burg
gehörenden Wohn- und Wirtschaftskomplexes und eines daneben liegenden
Kirchenkomplexes entstand zunächst ein engerer Siedlungskern, der im späten
Mittelalter unter Einbeziehung der Kirche zu einer größeren befestigten
Dorfanlage ausgebaut wurde.
Da die hier skizzierte Siedlungsentwicklung lückenhaft und
in wichtigen Fragen noch hypothetisch ist, bleibt zu hoffen, daß durch weitere
Untersuchungen neue Fakten zur frühen Ortsgeschichte zusammengetragen werden …“
Quelle: Eichsfelder Heimathefte 3/85 – Bild: Detail
Postkarte um 1920 © Thomas Schuster Heiligenstadt