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Aus dem Archiv: Zur frühen Siedlungsgeschichte Großbodungens
Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · Samstag 08 Aug 2026 · Lesezeit 6 Minuten
Tags: Großbodungen
„Bodenfunde aus der Umgebung Großbodungens, vor allem von der Hasenburg, zeigen, daß das Gebiet mindestens seit der späten Jungsteinzeit wiederholt von Menschen aufgesucht worden ist oder bewohnt war. Eine durchgehende Siedlungsperiode ist von der vorrömischen Eisenzeit bis zur frühen Völkerwanderungszeit anzunehmen. Sie wird durch reichen Fundniederschlag der frühen Eisenzeit von der Hasenburg, einzelne Keramikfunde der vorrömischen Eisenzeit und der römischen Kaiserzeit von verschiedenen Stellen des Hasenburgumlandes, durch provinzialrömische Funde von der Hasenburg und den nördlich von Großbodungen zutage gekommenen Schatzfund des frühen 5. Jahrhunderts belegt. In Großbodungen selbst wurden mehrere vor- bis frühgeschichtliche Tonscherben dicht südwestlich des Schlosses gefunden, von denen einige wahrscheinlich aus der römischen Kaiserzeit stammen. Der Beginn der kontinuierlichen Besiedlung des Hasenburgumlandes läßt sich erst durch Keramik der wellenbandverzierten Gruppe (8. bis 10. Jahrhundert) sicher erschließen; die stärkere Verbreitung früher Kugeltöpfe weist auf eine intensivere Siedlungstätigkeit im 10./11. Jahrhundert hin.56 Das Fehlen völkerwanderungszeitlicher Grab- und Siedlungsfunde entspricht der Fundlage im gesamten Südharz-Eichsfeld-Bereich.

Obwohl sich eine Siedlungskontinuität während der Völkerwanderungszeit im Hasenburgumland nicht belegen läßt, wenn man allein die Bodenfunde betrachtet, spricht der Ortsname von Großbodungen für eine solche Siedlungskontinuität. Die Gründungen von Ingen-/Ungen-Orten werden mit der germanischen Landnahme in Zusammenhang gebracht. Im Ortsnamen (Bodungen, auch Badungen, Padungen) drückt sich wohl eher die Zugehörigkeit der Siedlung zu einem Gewässer (der Bode) als zu einer Person aus. Eine Ableitung des Namens „Bode“ von got. bautha (= stumm) ist denkbar, zumal der Gegensatz zum Namen der Wipper (= lebhaftes Wasser), in die die Bode mündet, die Bode sinnvoll als ruhiges Gewässer charakterisieren würde.
Die vermutlich ältesten urkundlichen Erwähnungen von (Groß) Bodungen lassen sich nicht sicher unserem Ort zuweisen. Während die Erwähnung des Zehntrechts in einer villa botaha in einer Urkunde Karls des Großen von 770 kaum Großbodungen betrifft, werden die Erwähnungen im Fuldaer Klostergüterverzeichnis (vor 900; wohl zwischen 744 und 779) jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit unser Bodungen meinen. Dieses Verzeichnis führt zum einen Wicger und Brunger, zum anderen einen Eigel auf, die in Badungen tradieren. Es wäre denkbar, daß der erwähnte Eigel im Bereich der Kemnot ansässig war. Nach R. Wenskus verbergen sich hinter diesen Namen von Adligen im sächsisch-thüringischen Kontaktgebiet süddeutsche Abstammungs- bzw. Verwandtschaftsbeziehungen. Möglicherweise besteht ein Zusammenhang zwischen Eigel, dem Geschlecht der Esikonen und dem Namen der Hasenburg, die noch im 11. Jahrhundert Asenburg genannt wurde.

Beziehungen zu Sachsen deuten sich auch in der Nennung von Hufen in Badungen an, die Richardis von Stade 1124 mit dem Koster Gerode dem Erzstift Mainz übergibt. In dieser Urkunde erscheint der Ortsname ohne Zusatz. Dagegen werden 1262 dem Kloster Gerode Hufen in beiden Bodungen bestätigt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte die Siedlungsentwicklung über das Stadium locker gruppierter Einzelhöfe hinaus zu einem engeren Siedlungskern geführt haben, der sicherlich mit dem Gelände zwischen Kemnot und Markt identifiziert werden kann.

Seit 1186 tauchen in Urkunden Vertreter eines sich nach Großbodungen nennenden Ministerialengeschlechts auf. Zeitlich fällt ihr Erscheinen mit dem Erstarken der Zentralgewalt unter Friedrich I. von Hohenstaufen und speziell der Einsetzung der Clettenberger Grafen am Südharz zusammen. Bis 1210 erscheinen Herward, Hartmann und Burchard von Bodungen als Zeugen in Urkunden der Erzbischöfe von Mainz, wobei sich jedoch eine Zugehörigkeit Großbodungens zum Erzbistum Mainz nicht erschließen läßt. Es ist durchaus denkbar, daß mit dem Auftreten der Herren von Bodungen die Wasserburg auf dem Gelände des Schlosses erbaut und der engere Siedlungskern angelegt wurde. Wegen der im 12. Jahrhundert häufigeren Anlage von Marktsiedlungen bei Klöstern, Pfalzen und Burgen70 ist auch für Großbodungen ein früher Nahhandelsplatz als wichtiges Element der Ortsentstehung in Erwägung zu ziehen.

Ab 1253 tauchen Edle von Bodungen häufiger in Urkunden auf; bis 1268 überwiegend in solchen der Grafen von Beichlingen. 1259 nennt der Edle Burchard von Bodungen Friedrich von Lohra seinen Herrn und erscheint mit dem Zusatz „genannt“ von Bodungen. Demzufolge werden die Herren von Bodungen seit der Mitte des 13. Jahrhunderts nicht mehr in Großbodungen gesessen haben. Zusammenhänge mit dem Tiefpunkt der Zentralgewalt in Deutschland und den Machtkämpfen in Thüringen nach dem Aussterben der Ludowinger lassen sich nur vermuten. Für die lokale Geschichte werden zwei Ereignisse von besonderer Bedeutung gewesen sein: 1253 bereiten die Grafen von Honstein dem Clettenberger Komitat durch Eroberung der Burg Clettenberg ein Ende, 1256 zerstören Bürger die kaiserliche Burg in Mühlhausen. Herren von Bodungen werden in der Folgezeit u. a. als Burgmänner des Herzogs von Braunschweig und der Erzbischöfe von Mainz genannt. Die Erwähnungen der Herren von Bodungen in der zweiten Hälfte des 13. und im 14. Jahrhundert lassen sowohl hinsichtlich ihrer Ämter als auch ihres Besitzes stärkere Beziehungen zum Obereichsfeld als zu Großbodungen erkennen. Auf Großbodungen weisen nur die Verpfändung einer Hufe in Wallrode und der Verkauf eines Jahreszinses von der curia Husen. Möglicherweise haben sich politische Ereignisse in der Mitte des 13. Jahrhunderts ungünstig auf die Siedlungsentwicklung Großbodungens ausgewirkt. Ein Ausbau zur Stadt wie z. B. im Falle des benachbarten Bleicherode (1322) blieb jedenfalls aus. Im 13. und 14. Jahrhundert werden im Vorfeld des älteren Siedlungskerns die Höfe entlang des Fließwassers unterhalb der Kemnot zu einer Kette, dem östlichen Teil der später so genannten Fleckenstraße, zusammengewachsen sein. Danach dürfte man spätestens bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts die Ortsbefestigung angelegt haben.

Die Tendenz der Ortserweiterung bachabwärts setzte sich in der frühen Neuzeit außerhalb der spätmittelalterlichen Ortsbefestigung fort, wobei wieder eine Vorsiedlung, die „Unterstadt“, entstand. Im späten Mittelalter gehörte Großbodungen zur Grafschaft Honstein. 1370 wird der Ort als Bestandteil dieser Grafschaft in einer Pfändungsurkunde erwähnt. In der Lehnsurkunde von 1461 wird Großbodungen erstmals als Mittelpunkt eines weiteren dazugehörigen Schloßbezirks genannt. Zu dieser Zeit besaß die Gemeinde des Ortes neben dem Schloß bereits eine wesentliche Bedeutung. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Gemeinde dokumentiert sich in der Übernahme von Bürgschaften für von den Honsteiner Grafen erborgte Kapitalien 1471 und 1490. Das Beispiel Großbodungens zeigt, wie verschiedenartige mittelalterliche Befestigungsanlagen die dörfliche Siedlungsentwicklung geprägt haben. In Großbodungen wurde an einem siedlungsgeschichtlich schon seit frühgeschichtlicher Zeit bedeutsamen Platz eine mittelalterliche Herrenburg errichtet. Im Vorfeld des zu dieser Burg gehörenden Wohn- und Wirtschaftskomplexes und eines daneben liegenden Kirchenkomplexes entstand zunächst ein engerer Siedlungskern, der im späten Mittelalter unter Einbeziehung der Kirche zu einer größeren befestigten Dorfanlage ausgebaut wurde.

Da die hier skizzierte Siedlungsentwicklung lückenhaft und in wichtigen Fragen noch hypothetisch ist, bleibt zu hoffen, daß durch weitere Untersuchungen neue Fakten zur frühen Ortsgeschichte zusammengetragen werden …“

Quelle: Eichsfelder Heimathefte 3/85 – Bild: Detail Postkarte um 1920 © Thomas Schuster Heiligenstadt


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