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Aus dem Archiv: Von der Fibel zum Reißverschluß

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · 19 Juli 2020
Tags: SolidorReisverschluss
Schon manche originelle Idee galt dem Öffnen und Schließen von Kleidern

„Jahrtausende waren die Menschen ohne Knopf ausgekommen. Sie schlüpften einfach durch den Brustschlitz in das Gewand, um dieses dann durch Fibeln, Spangen, Agraffen, Riemen, Gürtel oder Bänder zu schließen. Als man im 14. Jahrhundert anfing, die Körperlinien zu betonen und die Kleider immer enger geschneidert wurden, da konnte man sie nicht mehr einfach über den Kopf ziehen, sondern mußte sie aufschneiden und einen neuen Verschluß ersinnen. Obwohl der Knopf bereits in der Bronzezeit bekannt war, wie Grabfunde belegen, war er in Vergessenheit geraten. Jetzt brachten Kreuzfahrer ihn wieder mit nach Europa. Neu erfunden wurde nur das Knopfloch — das man bis dahin überhaupt nicht kannte. Nun konnten die engen Kleidungstücke zugeknöpft werden.

Der neue Knopf gefiel so gut, daß Modenarren anfingen, ihre „Schecke“ (enge kurze Jacke) mit bis über 300 Schmuckknöpfen zu versehen. Man brachte auch dort welche an, wo sie eigentlich überhaupt nichts zu suchen hatten. Als im 16. Jahrhundert Kleiderverschluß durch Haken und Ösen erfunden wurde, da fanden sich kaum noch Knöpfe an Frauenkleidern. Nur die Männer waren ihnen treu geblieben. Die Rokokozeit brachte dann die Hochblüte des schönen Knopfes und seine größte Luxusentfaltung. Bisher bestanden die Knöpfe meist aus Ziegenhaar oder Seide. Nun aber wurden sie zum Kunstwerk und es gab kaum einen Werkstoff, bis zum kostbarsten Edelstein, aus dem nicht Luxusknöpfe gefertigt wunden. Kunstgewerbe und Goldschmiede gestalteten die Knöpfe zu kleinen Kunstwerken aus. Reliefs wurden eingraviert. Künstler malten Landschaften, Vögel, Amouretten darauf. Mancher Bräutigam ließ sich das Bild seiner Braut auf den Westenknopf malen. Ganz Vornehme trugen Knöpfe aus Edelsteinen, andere welche mit schön geschliffenen Spiegelchen in kostbaren Fassungen. 1860 folgte als „Neuheit" der unsichtbare Knopfverschluß - die verdeckte Knopflochleiste.

1885 wurde der Druckknopf erfunden. Jetzt hatte man ein Interesse daran, die Kleidungsstücke möglichst schnell zu schließen. Da wird 1895 ein neuer „Taillenverschluß“ angepriesen: „Dieser Verschluß beseitigt das unbequeme Auf- und Zuhaken dadurch, daß die Haken und Ösen in Schienen ruhen, die Taille ist in einer Sekunde zu öffnen und zu schließen“. Aber die Schienen waren doch etwas steif und unbequem und die Finder sannen weiter. Und eines Tages hatte man die Lösung gefunden, den Reißverschluß. Sein Erfinder ist der nach Amerika ausgewanderte Schwede Sundback, der darauf 1914 das Patent erhielt. In Deutschland hat man die Produktion des Reißverschlusses im Jahre 1925 aufgenommen. Zuerst waren es Handtaschen, die mit dem neuen Verschluß auf dem Markt erschienen, und es war eine Sensation, daß diese Taschen tatsächlich mit einem Griff aufgerissen und geschlossen werden konnten. In wenigen Jahren hatte sich der Reißverschluß weite Gebiete der Modeindustrie erobert. Heute könnten wir schlecht ohne ihn auskommen.“

In Heiligenstadt befand sich der größte Reißverschlusshersteller der DDR, der VEB Solidor. Dieser entstand aus dem 1870 in Mühlhausen gegründete Betrieb „Hugo Engelmann & Co. GmbH“, der 1873 nach Heiligenstadt verlegt wurde. Ab 1928 wurde mit der Fertigung des Reißverschlusses im Nadelwerk begonnen. Bis zur Wende arbeiteten 7.000 Mitarbeiter in den Werken Heiligenstadt, Ichtershausen, Rathenow, Breitungen, Dresden und Pulsnitz.



Quelle: Thüringer Tageblatt aus dem Jahre 1986 - Alte Nadelfabrik im Jahre 2004 © Thomas Schuster



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