Aus dem Archiv: Studentische Maifeier
„In der Nacht zum 1. Mai wird von den Burschenschaftern der übliche Mai-Umzug durch die Innenstadt veranstaltet, dem es an Zulauf nicht fehlt. Besonders auf dem Markt findet sich ein zahlreiches Publikum ein, das sich an der schönen Maifeier ergötzen will. Diesem Umzug geht ein gemeinsamer Kommers auf dem Hause der präsidierenden Verbindung voraus, der den Studenten zu einer entsprechenden Stimmung verhilft, und die nun wieder das schöne Maienlied mit einer Begeisterung singen können, wie es eben nur der Jenenser Student zu singen vermag. Das ist dann die echte wahre Jugendlust, die uneingeschränkt sich noch bei ihnen entfaltet und die alles mit sich reißt, was von ihr berührt wird.
Wer die Studenten dabei mit hören kann, wie sie in voller Herzenslust immer und immer wieder unter den Klängen der Musik das Lied „Der Mai ist gekommen“ erschallen lassen, der kann sich dem Zauber echt Jenenser Burschenlust nicht entziehen: „Da singet und jauchzet das Herz zum Himmelszelt: Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!“ Und dann erst, wenn man auf dem altberühmten Markte angekommen ist, da, wo sich das Jenenser Leben in seiner Eigenartigkeit stets am besten entfaltet, und die Studenten um den mit Rot- und Grünfeuer beleuchteten „Hannfried“ stehen, dabei das Lied singend: „Stoßt an! Jena soll leben! Hurra hoch!“, kennt die Begeisterung keine Grenzen mehr. Philister und Student sind dann eins, und alles singt wie aus einer Kehle: „Frei ist der Bursch!“
Majestätisch steht der alte „Hannfried“ mit dem Schläger und dem Kommersbuch (!) in der Hand dazwischen drin und nimmt die Huldigungen dar. Man glaubt, es ihm richtig anzumerken, wie weh es ihm tut, daß er nicht herabsteigen kann von seinem Throne, wo ihn nun einmal sein Fürstenlos zur Einsamkeit bestimmt hat. Der Rest des Schoppens wird ihm dann noch gewidmet, und man begießt die Stufen seines Thrones mit dem edlen Lichtenhainer. Indessen hat schon die Musik zum Liede: „Der Mai ist gekommen“ wieder angestimmt, und im feierlichen Zuge geht es zurück zum Verbindungshause.
So vom Wege nicht abkommend, folgen aber die Studenten weniger dem Texte des schönen Liedes. Um nämlich nicht mit der einen Strophe in Widerspruch zu geraten, da sagt: „Es gibt so manchen Wein, den nimmer ich probiert“, singt man stattdessen: „Es gibt so manches Mädel, das nimmer ich poussiert“. Dies ist eher glaubhaft, und Geibel würde wohl den Text anders gewählt haben, wenn er geahnt hätte, in welche Verlegenheit er damit die Jenenser Studenten gebracht hat. Auch würde er nicht in seinem Liede gesagt haben: „Es küsset in der Früh das Morgenrot mich wach“; denn es war schon späte Morgenstunde, und mehrere Burschenschafter saßen noch immer auf dem Markte. Nur, daß sie indessen einem Schutzmann ein Ständchen brachten und ihm vorsangen, daß der Mai gekommen sei.“
Quelle: Sonderabdruck der Beilage zum Jenaer Volksblatt 1909-1920