Aus dem Archiv: Soldatenhandel und Soldatenwerbung berührten im 18. Jahrhundert auch das Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · Dienstag 13 Jan 2026 · 6:30
Tags: Niederorschel, Soldatenhandel
Tags: Niederorschel, Soldatenhandel
„Zu den schmachvollsten Machenschaften deutscher Fürsten gehört der Verkauf von „Landeskindern“ als Soldaten an England vor mehr als zweihundert Jahren. Die englische Regierung hatte Schwierigkeiten, im eigenen Land genügend Soldaten für den Kampf gegen die um ihre Unabhängigkeit streitenden Kolonien in Nordamerika aufzubringen. Sie kaufte deshalb im Verlaufe des Krieges nahezu 30.000 Soldaten von deutschen Fürstenhöfen, so beispielsweise von Hessen-Cassel, Hessen-Hanau, Waldeck, Braunschweig und Anhalt-Zerbst. Allein 19.000 Soldaten verkaufte der Landgraf von Hessen, Friedrich II., nach Nordamerika. Herzog Friedrich August von Anhalt-Zerbst brachte es dagegen „nur“ auf 1.160 Mann und kassierte dafür eine Million Mark. Für Hessen-Cassel brachte dieses „Geschäft“ mehr als 21 Millionen Taler ein.
Bereits wenige Jahre später (1783) verurteilte der junge Schiller diese Machenschaften der Fürsten mit beißender Kritik in seinem Drama Luise Millerin (später umbenannt in Kabale und Liebe). Wenn auch der Mainzer Kurfürst als Landesherr des Eichsfeldes nicht an diesem Handel beteiligt war, so dürften dennoch zahlreiche Eichsfelder von Werbern aus den benachbarten Fürstentümern angeworben worden sein. Als Beispiel sei eine Eintragung in einem Hüpstedter Kirchenbuch angeführt: „Christoph Schmitt obiit in America miles Hannoveranus 1777 in aestate exequia hic Hübstadii habita“. Der Genannte starb somit als hannoverscher Soldat in Amerika.
Über „Johann Wilhelm von Hagen, Hochfürstlichen Hessen-Caßelischen Rittmeister von der Cavallerie, Erb-, Lehn- und gerichtsHerrn auff Hüpstädt, obere und niederorschel“ heißt es in einer Handschrift: „Pro memoria - Anno 1782 ist unser gerichtherr Johann Wilhelm von Hagen in amMerica gestorben an einem Schlagfluß seynes alters 40 Jahr und ligt begraben auf der insel Neyjorck genannd.“
J. W. von Hagen und andere Kriegsteilnehmer in ähnlichen Stellungen sind allerdings nicht zu den Verkauften zu zählen. Ihre Teilnahme am Krieg gegen die Nordamerikaner war von persönlichen Motiven bestimmt, wie aus einem Brief von Caroline Michaelis vom 7. Oktober 1778 zu ersehen ist: „Mein Bruder ist glücklich in London angekommen ... Er geht nach Amerika als Stabs Medicus bei den Hessen, die Bedingungen sind sehr vorteilhaft, und wenn er wieder zurückkommt, so ist ihm seine Versorgung auf Lebenszeit gewiß.“
Einen Einblick in die damalige Praxis der Soldatenwerbung vermittelt uns der mit Goethe befreundete, volksverbundene Erzähler der Sturm-und-Drang-Zeit Karl Philipp Moritz (1757-1793) in seinem autobiographischen Roman Anton Reiser. In diesem kulturhistorisch wertvollen Roman, den Heinrich Heine als „eines der wichtigsten Denkmäler jener Zeit“ charakterisierte, schildert Moritz unter anderem seine Bekanntschaft mit einem kaiserlichen Werbeoffizier auf dem Eichsfeld, die er gelegentlich einer Fußreise von Hannover nach Erfurt im Jahre 1776 machte, wie folgt:
„Nun war diesen Tag auch sehr schönes Wetter gewesen, und Reiser kehrte den Abend in einem Dorfe namens Orschla ein, um den andern Morgen von dort aus nach der Reichsstadt Mühlhausen seinen Weg fortzusetzen.“ Im Gasthof machte er Bekanntschaft mit dem Schulmeister, dem sich Gelegenheit bot, sein Latein vor den anwesenden Bauern zu praktizieren. Schließlich verabschiedete sich der Schulmeister „von Reisern, der am andern Morgen früh schon weitergehen wollte, und er warnte ihn, sich vor den kaiserlichen und preußischen Werbern in diesen Gegenden in acht zu nehmen und sich durch keine Drohungen schrecken zu lassen, wenn sie etwa äußerten, daß sie ihn mit Gewalt nehmen wollten. Reiser legte sich auf seine Streu ruhig schlafen - als er aber am nächsten Morgen erwachte, regnete es so stark, daß er in seiner Kleidung mit Schuhen und seidenen Strümpfen nicht aus dem Hause gehen, viel weniger seine Reise fortsetzen konnte ... Nun kam schon in aller Frühe ein kaiserlicher Unteroffizier in die Gaststube, der in diesem Orte auf Werbung lag, sich mit seinem Krug Bier ganz vertraulich neben Reisern an den Tisch setzte und vom Soldatenleben erst von weitem mit ihm zu sprechen anfing, bis er nach und nach immer zudringlicher wurde und ihm endlich geradezu versicherte, daß er doch vor den preußischen und kaiserlichen Werbern nicht über Mühlhausen kommen würde und sich lieber nur gleich von ihm für sieben Gulden Handgeld anwerben lassen möchte ... Als der Soldat hinausgegangen war, trat der Schulmeister wieder herein, der Reisern einen guten Morgen bot und ihn heimlich warnte, sich vor dem Werber in acht zu nehmen, ob er gleich selbst das Soldatenleben für so schlimm nicht hielte, denn sein Sohn sei auch zwei Jahr in Mainzischen Diensten gewesen ... “
Auch am folgenden Tage konnte Reiser wegen schlechten Wetters seine Reise nicht fortsetzen. „ ... Er stellte sich ans Fenster und sah zu, ob der Himmel sich noch nicht ein wenig aufklären wollte, als der Soldat schon wieder hereintrat, um ihm seine Morgenvisite zu machen. Da nun Reiser sich ankleidete und sein Haar in einen Zopf flochte, fing der Kriegsmann wieder an, ihn über seine Größe und die Länge seines Haares sehr viele Komplimente zu machen, und wie schade es um ihn sei, daß er nicht in den Kriegsstand treten wolle ... “ Am Abend aber versprach der Soldat „Reisern zu seinem Schrecken, ihn den andern Morgen zu begleiten und ihn durch ein Gehölz auf den Weg zu bringen. Den andern Morgen in aller Frühe war der Soldat schon wieder da, um ihn zu begleiten, und er wollte im Gasthofe Reisers Zeche bezahlen, welches dieser aber mit Gewalt nicht zugab. Sie gingen aus dem Dorfe Orschla auf Hähnichen zu einer Anhöhe herauf, der Soldat sprach kein Wort, und da sie durch ein Gehölz kamen, so erwartete nun Reiser jeden Augenblick die Entscheidung seines Schicksals, dem er doch nicht entgehen könne. Auf einmal stand der Soldat still und hielt an Reisern eine ordentliche pathetische Anrede, er solle sich noch einmal prüfen, ob er sich wirklich getraute, nicht in die Hände anderer Werber zu fallen; denn das einzige würde ihn nur ärgern, wenn er hörte, daß Reiser doch Soldat geworden wäre und ihn also gleichsam betrogen hätte; wenn es aber sein wirklicher Vorsatz sei, zu studieren und nicht Soldat zu werden, so wünsche er ihm Glück zu seinem Vorhaben und eine glückliche Reise. Hiermit ging er fort ... “
Bis zu ihrer Einschiffung mußten die Soldaten oft große Entfernungen zurücklegen, zumal Friedrich II. von Preußen den Durchzug durch seine Hoheitsgebiete untersagt hatte. Oft kam es zu Zwischenfällen, da einige bereits jetzt versuchten, zu desertieren. Ein solcher Zwischenfall ereignete sich im Jahre 1776 in unserer Gegend während eines Soldatentransports von Anhalt-Zerbst nach Stade. „Als nämlich die Truppen vor Zaunröden ankamen, entsprang ein Mann, der, von einem Korporal verfolgt, sich in das nahegelegene Wirtshaus flüchtete. Ohne erst weiter nachzusehen, schoß der allzu diensteifrige Verfolger blindlings durch das Fenster in die Wirtsstube hinein, wo die Kugel die ruhig dasitzende Wirtin traf, daß sie sofort tot zu Boden sank."
Durch diese Gewalttat waren die Bewohner sehr aufgebracht, und es kam „zu Tätlichkeiten, wobei der Offizier so übel zugerichtet wurde, daß er am anderen Tage in Worbis starb. Die Einwohner von Rüdigershagen, Niederorschel und Gernrode, durch welche Orte sich der Transport bewegte, nahmen infolge des unglücklichen Ereignisses lebhaften Anteil an dem Schicksal der nach Amerika bestimmten Streiter und verschafften ihnen reichlich Gelegenheit zur Flucht."
Quelle: Eichsfelder Heimathefte 3/1983, Edgar Rademacher – Bild: Niederorschel um 1915 (Detail Postkarte Franz Bader, bearbeitet durch KI)