Aus dem Archiv: Karneval
„Karneval, d. h. aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt: Lebe wohl, Fleisch, nennt man die Zeit zwischen dem Fest Epiphania (Heilige drei Könige) und dem Beginn der großen Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch einsetzt und schon im frühesten Mittelalter eine Zeit der Lustbarkeit, des Tanzes und des Mummenschanzes war. Die im Volke tief eingewurzelte Sitte der Belustigung während der Karnevalszeit hat ihren Ursprung in dem Bedürfnis der Menschheit, sich für die folgende entbehrungsvolle Fastenzeit im voraus schadlos zu halten, und breitete sich besonders nach dem 30jährigen Kriege in allen katholischen Ländern aus.
Ein typisches Beispiel für die krankhafte Sucht der Menschheit, sich für politische und wirtschaftliche Schreckenszeiten schadlos zu halten, bietet die Geschichte der großen französischen Revolution, wo die Schreckensmänner mit dem geplagten Volke in der Ausgelassenheit des Mummenschanzes wetteiferten. Kirche, Könige und Staatsmänner aller Zeiten haben oft und eindringlich gegen diese verwerfliche Art von Schadloshaltung gepredigt, protestiert und gearbeitet, der Wille der großen Masse zur Beibehaltung dieser einmal eingebürgerten Sitte war zu stark gegen alle Gegenlehren und Maßnahmen.
Immerhin hat in manchen Ländern und Städten der Karneval ein hohes künstlerisches Niveau erreicht. Weltberühmt ist z. B. der Karneval in Venedig und Rom, der selbst einen Goethe zu großer Bewunderung hingerissen hat. Auch die rheinischen Städte und nicht zuletzt München waren bekannt wegen ihres harmlosen und doch auf hoher künstlerischer Stufe stehenden Karnevals.
Der Krieg, Staatsumwälzungen und die wirtschaftliche Bedrängnis haben in den meisten Ländern Europas dem Karneval den Nimbus harmloser künstlerischer Tendenz genommen: Behörden sahen sich infolge der wirtschaftlichen Not gezwungen, Einschränkungsmaßnahmen mit aller Strenge gegen den Karneval vorzunehmen. Sollte in Deutschland wieder einmal eine bessere Zeit Einzug halten, dann wird auch der deutsche Karneval mit seinen harmlosen Freuden und seinem künstlerischen Geschmack wieder zur vollen Geltung kommen.“
Quelle: Jenaer Volksblatt, den 9. Januar 1926 - Bild: Fastnacht in der Erfurter Schwesternschule 1935