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Aus dem Archiv: Humor und Schabernack beim Schlachtefest
Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · Mittwoch 04 Feb 2026 · Lesezeit 6:15
Tags: RengelrodeSchlachtefest
„Ein Schwein großfüttern ist eine feine Sache. Noch schöner allerdings ist das Schlachten dieses Schweines, deshalb spricht man ja vom SchlachteFEST. Das beste am Schlachtefest sind natürlich die frisch zubereiteten Fleisch- und Wurstwaren, aber nicht zuletzt der derbe Spaß, der dabei gemacht wird, der allerdings größtenteils von den anwesenden Männern ausgeht. Über die Bedeutung des Hausschweines im Leben der Landbevölkerung in den vergangenen Jahrhunderten kann man sich heute nur sehr schwer einen Begriff machen. In einer Zeit, wo die Armut und das schlechte Essen allzuoft zum Tagewerk der untersten Schichten gehörten, war der Besitz eines Schweines schon ein kleiner Schritt zu einem besseren Leben. Der Besitzer eines Schweines schätzte sich glücklich, denn das Tier versinnbildlichte für ihn Nahrung und Kleidung (Leder), also lebenden Vorrat für kommende Tage. Aus dieser Zeit und dieser Anschauung heraus stammt der Begriff des „Glücksschweines“ und die sehr geläufige Redewendung „Schwein gehabt“, die ausdrücken soll, daß man Glück hatte. Heutigentags ist das Glücksschwein wie der Schornsteinfeger oder das Hufeisen zu einem Talisman geworden, ohne daß der Sinn des Entstehungsgrundes offenkundig wird.
Zwei kleine Sprüche sollen die Verehrung des Hausschweines in diesem Zusammenhang verdeutlichen:

Wer ohne Sorgen satt will sein,
der kauf und mäste sich ein Schwein.
oder: Pfleg und füttere ein Schwein,
es bringt dir's hundertfältig ein.

Das Schlachtefest selbst gestaltete sich zu einem Höhepunkt im Leben der Familie. Bekanntlich waren im Eichsfeld die drei wichtigsten Feste des Jahres Weihnachten, Kirmes und das Schlachtefest, welches auch heute noch zu den besonderen Tagen zählt, wenngleich der ökonomische Zwang zur Bereitstellung der Nahrung für die Familie keineswegs geboten ist. Trotzdem ist es ein Fest, auf welches man sich freut, und bei dem es neben der vielen Arbeit auch lustig zugehen kann.
Die beste Zeit zum Schlachten ist die kalte Jahreszeit, wenn das Schwein von den Früchten der Ernte fettgefüttert im Stall steht und Festtage heranrücken. So lauten zwei alte Sprüche:

Zu Martin, da schlacht der Buur sin Schwien,
das muß zu Lichtmeß jefressen sin.
oder:
Zu Martin, da schlacht min Vater en Schwien,
die Mutter schlacht 'ne Gans,
und du, du kriegst'n Schwanz.

Ist dann endlich der Tag des Schlachtens gekommen und der Schlachter anwesend, tut es manchem Hausherren leid, sein mit viel Liebe aufgezogenes Schweinchen töten zu lassen. Er wird getröstet mit den Worten:

Willst du hadern um ein Schwein?
Iß die Wurst und laß es sein!

Ist das Schwein geschossen, stellt sich ab und an ein Spaßvogel mit einem Spankorb daneben und will die Seele des Tieres auffangen. Die Kinder müssen feste am Schwanz ziehen, da sonst, wie ihnen der Schlachter erklärte, die Würste krumm werden. Natürlich kommt auch der Alkohol in Form von Kornbranntwein oder Kräuterlikör zu seinem Recht. Um ihn zu bekommen, werden im Verlaufe des Schlachtens einige nette Verse dargeboten.

Steht das Schwein noch im Koben,
wird erst einer gehoben.
Kommt es aus dem Koben,
wird noch einer gehoben.
Bevor's Schwein an der Leiter (Bügel, Haken) hängt,
wird ein Schnäpschen eingeschenkt.
Ist das Schwein hingehängt,
wird wieder einer eingeschenkt.

Schließlich ist der Durst gelöscht und mit dem Spruch: Hängt's Schwein an der Leiter, geht's fröhlich weiter, wendet man sich wieder der Arbeit zu.

Natürlich soll hier nicht der Eindruck entstehen, daß das Schlachtefest eine Beschäftigung für Possenreißer ist. Es handelt sich hierbei um eine durchaus ernsthafte und anstrengende Beschäftigung, denn der Geschmack von Fleisch und Wurst, die einwandfreie Konservierung desselben in Büchsen und Gläsern hängen von den mithelfenden Personen ab. Wer würde bestreiten, daß nicht eine große Fertigkeit dazugehört, die schmackhaften Würste, den kräftigen Schinken, den Speck, das Gepökelte und selbstverständlich die herzhaften Feldkieker herzustellen.
Während der Zubereitung der Wurst nun werden Unkundigen oder Gästen die verschiedenen Aufgaben übertragen. So sollen sie z. B. den Speckhobel holen, den Kümmelspalter beschaffen, den Senfkörnerschäler bringen und das Wurstmaß von irgendeinem Nachbarn abholen.

Gelegentlich wird dem Angeführten dann als Wurstmaß ein Nachttopf angedreht und ernsthaft hinzugefügt, daß die Würste genauso rund werden sollen wie der Topf. Ein Verschen sagt es so:

Der Schlachter ist ein Schweinehund,
der macht die Wurst im Nachttopf rund.

Wird die Rotwurst in der Molle gemengt, werden die anwesenden Kinder herangerufen, um ihnen die „Wurst anzumessen“. Dabei streicht man ihnen das Blut über Wangen und Mund. Die Anwesenden schmunzeln über die verschmierten Gesichter, aber die Kinder suchen eilig das Weite.

Beim Füllen der Rotwurst in die Blasen wird wieder jemand beauftragt, einen Teller oder ein anderes Gefäß zu holen. Der Schlachter läßt die Luft aus der Blase, die zuvor am Fenster zum Trocknen aufgehängt war, auf den Teller und freut sich über das dumme Gesicht des Angeführten. Dieser muß Bemerkungen wie „der hat soviel Verstand im Koppe wie die Ziege Fleisch vor'm Knie“ einstecken.

Sind ein paar Borsten in die Wurst geraten, wird der Hausherr mit folgenden Worten getröstet:

Dafür war's ein Schwein, wenn Haare in der Wurst wären, dann hätten wir den Hund geschlachtet.

Vergißt der Hausherr den Schnaps, wenn Kesselfleisch gegessen wird, macht man mit den Worten „fettes Fleisch will schwimmen“ auf die leeren Gläser aufmerksam. Bemerken die Nachbarn, daß geschlachtet wird, holen sie sich die reichlich vorhandene Fleisch- oder Wurstsuppe. Früher verkleideten sie sich extra als Bettler und sangen oder sagten folgende Reime auf:

Me haan gehart, die haat geschlacht,
haat dicke, fette Weste gemacht,
die kleinen loot ihr hangen,
die graßen wolln wir langen.
Oder: Ich haa gehart, die haat geschlacht,
haat kleine und graße Weste gemacht,
die graßen gebt ihr mir,
die kleinen behaltet ihr.

Der Bitte wurde entsprochen, und die Besucher gehen mit Wurst- oder Fleischsuppe sowie einigen Kleinigkeiten nach Hause. Der Spaßvogel, der mit einem Füllkorb Wurstsuppe holen will, bekommt als Ersatz Wurst, Kesselfleisch und Gehacktes. Andere verkleideten sich als Kesselflicker. Sie mußten aber schweigen, wenn sie etwas bekommen wollten. Gelegentlich ließ man sie auch tanzen, bis sie als Belohnung eine Schlachtgabe erhielten. Neigte sich der Tag dem Ende zu, rüsteten sich die Gäste zum Heimgang. Dabei bemerkte so mancher nicht, daß er den Schweineschwanz mit einer Sicherheitsnadel an Mantel, Jacke oder Hose angesteckt bekam und zog so gekennzeichnet nach Hause. Jeder bekam noch eine Schlachteschüssel mit Wurst, Gehacktem, Kesselfleisch und anderen Köstlichkeiten mit auf den Weg. Ein witziger Hausherr leuchtete seinen Gästen noch lange mit der Laterne hinterher und begleitete sie noch ein Stück des Weges. Als die Heimwärtsgehenden stutzig wurden, und ihn fragten, warum er das mache, erwiderte er schmunzelnd: „Man wird doch noch seinem Schwein hinterher leuchten dürfen.“

Damit meinte er, daß ein schönes Stück seines Schweines nur noch in den Mägen der Heimgehenden existierte. Damit sind wir am Abend des Schlachtetages und am Ende unserer kleinen Betrachtung angelangt, deren Aufgabe es war, den Humor im Leben unserer Heimat einmal am Beispiel des Schlachtefestes darzustellen. Natürlich werden noch andere Späße und Streiche im Umlauf sein, so daß diese Aufstellung beliebig fortgesetzt werden könnte."

Quelle: Eichsfelder Heimathefte, Jörg-Michael Junker – Bild: Schlachtefest in den 1970er Jahren in Rengelrode © Thomas Schuster Heiligenstadt



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