Aus dem Archiv: Getäuschte Erwartung - 1820
Mit gespannter Erwartung nahmen wir das Blatt zur Hand, welches den Aufsatz über die Verschiedenheit der Uhren in einer Stadt enthielt, in der zuversichtlichen Hoffnung, daß endlich jemand hinter das große Geheimniß gekommen, diesem Nebel abzuhelfen und sich durch Mittheilung desselben um unsere Stadt verdient machen wolle. Aber wir lernten aus dem ganzen Aufsatze nichts – als daß man die Zeit von der Taschenuhr abliest; (soll abließt heißen, so wie weiter unten beweist) daß es eine Sonnenlästerung giebt: daß die Stunde 60 Minuten und jede Minute 60 Sekunden und jede Sekunde beiläufig 3 Augenblicke hat; daß man Sternwarten baut, damit gelehrte Männer (als ob die Astronomen die einzigen Gelehrten wären!) die Zeit vom Himmel auf die Erde herabholen; (das klingt noch viel fabelhafter, als wenn Prometheus das Feuer herabholt!) daß man viel leichter erfahren kann, wie viel Uhren in einer Stadt sind, als wie viel Uhr es ist; (was wir beiläufig bezweifeln, da hier von allen möglichen Uhren die Rede ist!) und nachdem wir uns durch die vielfachen Schaden, den die Gerichte, die Schüler und Schulen, die Posten und Staffeten, (soll wohl Staffetten heißen) oder vielmehr die Reisenden und die armen, oder vielmehr die reichen Herrn leiden, die Taglöhner brauchen, hindurchgearbeitet hatten, und uns bei der mathematischen Genauigkeit in der Angabe der Minuten, Sekunden und beiläufigen Augenblicke und bei der erschütternden Frage: wer hat den Schaden? unwillkührlich das „ex ungue leonem“ eingefallen, (L.) gelangten wir endlich auf der folgenden Seite zu dem großen Resultate: daß, wenn man alle Uhren in der Stadt richtig stellt und große Sorgfalt trägt, daß sie die hiesige Zeit richtig angeben – alle Uhren richtig gehn, und daß man Zeit gewinnt, wenn man weniger Zeit verliert; an allem diesen wird gewiß Niemand zweifeln! O. s. t.
G. E.
Anmerkungen zur Transkription:
Der Text enthält einige zeittypische Schreibweisen sowie bewusste ironische Seitenhiebe des Autors auf Druckfehler oder Formulierungen des ursprünglichen Aufsatzes (z. B. die Anmerkungen in Klammern wie „soll abließt heißen“ oder „soll wohl Staffetten heißen“). Die lateinische Redewendung „ex ungue leonem“ bedeutet übersetzt „an der Klaue erkennt man den Löwen“ (man kann das Ganze aus einem kleinen Teil beurteilen).
Quelle: Obereichsfelder Kreisanzeiger 1820 – Bild: © Thomas Schuster Heiligenstadt