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Aus dem Archiv: Die Hungersnot von 1772
Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · Mittwoch 26 Aug 2026 · Lesezeit 3 Minuten
Tags: Dingelstädt
"Als Heinrich Christoph Strecker in Dingelstädt Schulze war (1764–1772), wurde das Eichsfeld von schweren Drangsalen heimgesucht. Im siebenjährigen Kriege wurde das ohnehin arme Ländchen fast bis zur Erschöpfung ausgesogen. Auch Dingelstädt hatte schwer zu leiden; denn der Truppendurchzüge, Brandschatzungen, Getreide- und Fouragelieferungen und Auferlegung von Kontributionen war fast kein Ende. Und acht Jahre, nachdem der Krieg mit seiner Not und seinen Schrecken vorüber war, brach eine Hungersnot im Lande aus, welche über die Bevölkerung noch viel härtere und traurigere Leiden verhängte. Der Heiligenstädter Scheffel Korn kostete 5 Taler; aber für Geld war weit und breit nicht einmal Frucht zu bekommen, und wer überhaupt kaufen konnte, mußte seinen Bedarf aus Erfurt holen. So groß war der Mangel an Nahrungsmitteln, daß die Armen Gras, Hedderich, Nesseln, Löwenzahn und andere Kräuter sammelten und kochten, um damit den Hunger zu stillen, und viele waren froh, wenn sie sich aus Kleie und Wasser ein hartes und fast unverdauliches Brot backen konnten. Die schlechte Nahrung rief Nerven- und Faulfieber und Ruhr unter den Menschen hervor, und viele gingen an diesen Krankheiten und ungenügender Nahrung zu Grunde. Zwei Jahre währte die schreckliche Zeit, und als das dritte Jahr wieder eine gute Ernte brachte, war das Land so erschöpft an den notwendigsten Nahrungsmitteln, daß die armen Leute gierig über die unreifen Kornähren herfielen und sie verzehrten.

Während diese furchtbare Not im Lande herrschte, wurde eines Tages dem Schulzen Anzeige gemacht, daß eine als Diebin bekannte Frau gestohlene Sachen im Keller ihres Hauses verwahrt hätte, und Strecker ließ, um zu erfahren, ob die Anklage wahr sei, das Haus der Verdächtigen durchsuchen, wobei er selbst zugegen war. Im Keller fand man Stücke halbverfaulten Pferdefleisches, das die durch den Hunger zur Verzweiflung getriebenen Leute vom Schindanger geholt hatten, um sich damit zu sättigen. Von Abscheu und Ekel überwältigt, ging der Schulze nach Hause; aber das Erlebte wirkte so heftig auf sein Gemüt ein, daß er wenige Tage darauf in Nervenfieber und wilde Delirien verfiel. Ob und welche andere Ursachen dazu beitrugen, die Krankheit zu verschlimmern, wissen wir nicht; aber er erholte sich nicht mehr und starb am 26. Mai 1772.“

Bemerkung:
Die europäische Hungerkrise von 1770 bis 1772 war eine schwere Katastrophe infolge extremer Wetterphasen der Kleinen Eiszeit. Drei aufeinanderfolgende Missernten durch Nässe, Kälte und Regen führten zu explodierenden Getreidepreisen, Massenarmut, Fleckfieber-Epidemien und enormen Bevölkerungsverlusten in Mitteleuropa.
Extremes, regen- und kältereiches Wetter zerstörte die Saaten und Ernten. Auf nasse Sommer und Frostjahre ab 1769/1770 folgten bis 1771/1772 wiederholte Totalausfälle der Ernte. Veraltete Agrarsysteme und fehlende Handelswege verstärkten den Mangel. Die Getreideteuerung stieg stellenweise auf das Fünf- bis Zehnfache des Normalpreises. Vieh musste mangels Futter billig geschlachtet werden; viele Menschen wichen auf Ersatznahrungsmittel aus. Schwächung der Bevölkerung und mangelnde Hygiene begünstigten Seuchen wie das Fleckfieber. Stark betroffen waren unter anderem das Erzgebirge, das Eichsfeld, Böhmen und Süddeutschland.

Quelle: Nach Sanitätsrat Karl Strecker †. (Stammbuch der Familie Strecker, Wien 1896, S. 178 f.) - Bild: Duval um 1840 coloriert © Thomas Schuster Heiligenstadt


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