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Aus dem Archiv: Der „Lohnmäher“ oder „Zehntschnitter“

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · 28 Juni 2020
Tags: Ernte
Ernte in früherer Zeit - Der „Lohnmäher“ oder „Zehntschnitter“

"Wenn heute in unseren Fluren die Ernte mit der Kraft der Motorisierung und der Technik in kurzer Zeit eingebracht werden kann, so war zur Zeit der manuellen Erntearbeit die Sachlage eine ganz andere. Da gingen die Mäher im Tagelohn in die bäuerlichen Gehöfte und boten ihre Arbeitskraft an. Man nannte diesen Tagelöhner auch „Zehntschnitter“, und er hatte im Akkord zu arbeiten, das heißt, er mähte nicht für Geld, sondern für den zehnten Teil der geschnittenen Frucht, und das brachte ihm einen etwas aufgebesserten Lohn ein, als er sonst im Tagelohn üblich war.

Ein leinener Kittel war sein Arbeitsgewand, und sein Werkzeug, eine mit Sorgfalt geschärfte Sense, trug er über der Schulter. An seinem Leibriemen hing die „Wetzetute“ mit dem Wetzstein zur regelmäßigen Aufbesserung der stumpfen Sense.

Hatte er seinen Acker gemäht, mußte er auch noch die Garben binden und in Reihen aufstellen. War ein Stück gemäht und aufgestellt, so kam der Gutsherr (bei solchen hat der Zehntschnitter vorwiegend gemäht), zählte die „Stiegen“ oder „Storzen“ ab und steckte auf jeden zehnten Haufen einen Busch, womit dieser automatisch Eigentum des Schnitters wurde. Damit aber der Schnitter nicht im voraus bestimmen konnte, welcher Haufen ihm gehörte, begann das Abzählen der Haufen nicht am Ende der Reihen beim ersten, sondern es konnte auch beim zweiten, vierten usw. beginnen. Einfach und karg hat er gelebt und war vom ersten Hahnenschrei bis in die Dämmerung hinein der Erste und Letzte draußen im Feld.

Etwa kurz nach Beginn unseres Jahrhunderts hat man im Taldorf Lengenfeld u. Stein den letzten Zehntschnitter des Eichsfeldes zu Grabe getragen. Einige Begriffe aus dem Arbeitsgebiet der Eichsfelder Gemarkungen stehen im Zusammenhang damit und sollen hier erläutert werden.
Da gab es für einen kleineren Landbesitzer von früher den Begriff „Ackermann“. Es war ein Landwirt, der für die „kleineren Leute“ des Dorfes das Land ackerte, bestellte und die damit verbundenen Lohnfuhren machte. Der Ackermann hatte nicht „genügend Land unterm Pfluge“, wie man volkstümlich sagte. Er hatte höchstens zwei Pferde und war so zum „Lohnlandmachen“ gezwungen.

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In alten Gemeinderechnungen und Steuerlisten von früher wurde peinlichst genau zwischen dem Landwirt, dem Ackermann und dem Einwohner unterschieden. Es ging um jede Furche Land. Oftmals führte das sogar zum Versetzen der Grenzsteine; Neuvermessungen wurden durchgeführt. Wie der Lohnmäher ging früher auch der Lohndrescher reihum von Tenne zu Tenne, um saisonmäßig in den Wintermonaten sein Brot zu verdienen. Der Flegeldrusch war eine schwere Arbeit. Wie der Dreschflegel ist heute auch noch der „Bingepflock“ (Bindepflock) nur noch in Erinnerung. Er war ein Gerät zum Binden der Garben, damit diese recht fest wurden. Auch einige volkstümliche Bräuche in diesem Zusammenhang sind heute kaum noch bekannt. Wenn früher die Mutter aus dem „Felde kam“ und die Überbleibsel des Frühstücks- oder Vesperbrotes auspackte, griffen die Kinder sofort nach denn „Hasenbrote“ (angeblich dem Hasen abgenommen).

Wenn früher auch reihum das Dreschen mit dem Dreschflegel oder mit dem von Zugtieren angetriebenen „Göpel“ — der bereits die ersten einfachen Dreschmaschinen in Bewegung setzte — beendet war, dann hieß es: „Holt mal den Bansenfeger“, mundartlich auch „Bansenfajer“ oder „Bansenschöller“ genannt. Der Bansen (Lagerplatz der unausgedroschenen Garben) war ja nun leer und mußte „geschöllt“ werden. Damit wurde der darum Losgeschickte auf den Leim geführt und ihm ein primitives Gerät in Form einer Stange mit Klotz oder Stein (umhüllt von einem Sack) aufgehalst, und die Heiterkeit war groß, wenn der Gefoppte damit angezogen kam. Gemeint war in Wirklichkeit die Flasche „Nordhäuser Branntwein“, die dann reihum ging.

Quelle: Thüringer Tageblatt vom 24. September 1981, V. H. (Vincenz Hoppe) Bild: Detail einer Postkarte von Wüstheuterode um 1900 (bearbeitet) © Franz Bader



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