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Aus dem Archiv: Auswanderung vom Eichsfelde

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Eichsfeld · 27 Juli 2020
Tags: EichsfeldAuswanderungWirtschaft
Aus dem Archiv: Auswanderung vom Eichsfelde

"Vor 100 und 200 Jahren konnte das Eichsfeld durch die damals noch rückständige Landwirtschaft seine Bevölkerung nicht ernähren. Industrie gab es keine. Die Menschen verließen die Heimat, trieben Handel, und vermutlich stellte das Ober- und Untereichsfeld einen großen Teil jener Bettler, die in großen Banden und einzeln Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert, vor allem nach dem Dreißigjährigen und Siebenjährigen Kriege durchzogen. Später führten die Mainzischen Kurfürsten die Hausindustrie und Handweberei ein.

Dadurch wurde die Auswanderung etwas eingeschränkt. Durch die Erfindung des mechanischen Webstuhls erhielt die Hausweberei den Todesstoß. Jetzt brachen mit den zwanziger, dreißig und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts trübe, traurige und armselige Zeiten für das Eichsfeld an, die nicht selten für dessen Bewohner wahre Not- und Hungerjahre mit sich brachten. In diesem Zeitraum setzte die Auswanderung wieder stark ein. Im Braunschweigischen, im Hildesheimischen und in Hannover sah man jetzt vielerorts die typische Gestalt des Eichsfelder Arbeitsmannes, auf dem Rücken den obligaten Holster, ein oder zwei Hemden sowie auch Hammer und Kelle mit sich bergend.

Es waren hagere Leute, ihr Gesicht war von Entbehrung und Hunger fahl und eingefallen. Ihr Verdienst belief sich auf 1 Mark, von der sie natürlich Kost und Logis bestreiten mußten. Die Kost war begreiflicherweise schmal, und des Mittags versuchte mancher die Essenszeit und den oft nagenden Hunger zu verschlafen. Man wollte und mußte sich etwas erübrigen von dem kargen Verdienst; denn daheim darbten Frau und Kinder, daheim, wo (1847) der Scheffel Korn (Roggen) 3 Thlr. kostete und wo man nicht bloß große mehlige Kartoffeln in den Brotteig rieb, sondern sich aus den Feldern alle nur irgendwie eßbaren Kräuter holte und sie genoß. Etwas später verdienten die Maurer 1% Mark, und alle Welt glaubte, daß nun die guten Zeiten angebrochen seien."



Quelle: Wilhelm Kolbe „Heimatland“, 1907-1908 – Bild: © Franz Bader 1910



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