Aus dem Archiv: Adventszeit - Freudenzeit
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Zeitgeschehen · Freitag 05 Dez 2025 · 5:45
Tags: Adventszeit, und, Nikolaus
Tags: Adventszeit, und, Nikolaus
Der Adventsstern leuchtet wieder – St. Niklas und Knecht Ruprecht - das neue Kirchenjahr.
„So kehrst du wieder, heil'ge, hehre Zeit,
Mit all den Freuden, die das Herz kann fassen,
Wo im Palast und in der Hütte weit und breit
Sich frohe Menschen wiederfinden lassen.“
Es liegt eine ganz besondere Stimmung über diesen Wochen vor Weihnachten, die jetzt ihren Anfang nehmen. In den Städten bereiten sich die Geschäftshäuser auf die bevorstehenden Feiertage vor, und in den Familien und Häusern geht es geheimnisvoll zu: In der Küche bäckt die Mutter die ersten Honigkuchen, und in der Wohnstube sind Jungen und Mädchen mit Weihnachtsarbeiten beschäftigt. Wie lange wird es noch dauern, dann kommt Knecht Ruprecht, der alte bärtige Geselle mit seinem großen Sack und seinem langen Bart, um deutschen Kindern Pfeffernüsse und Weihnachtsfreude zu bringen.
In ganz Deutschland ist die Sitte bekannt, daß zum ersten Advent ein aus Tannengrün gewundener Kranz aufgehängt wird. Ein buntes Band leuchtet aus dem dunklen Grün hervor, helle Kerzen geben ihm seine besondere adventliche Note. Und dann werden die Lichter der Reihe nach angesteckt, am ersten Advent das erste, acht Tage später das nächste, bis schließlich nach vier Wochen der Weihnachtsbaum mit seinem strahlenden Licht an die Stelle des Adventskranzes tritt. Statt des Kranzes hat man oft auch einen Stern, wie er von Herrnhut aus sich die ganze Welt erobert hat, oder eine Rose oder ein Häuschen. All diese äußeren Zeichen sind Sinnbilder für den Glauben an das Licht, wie er schon in germanischer Vorzeit so stark gewesen ist und dann mit der Einführung des Christentums neues Leben bekommen hat. Ausdruck dieses Glaubens sind auch zahlreiche Advents- und Weihnachtslieder, wie man sie jetzt wieder hören kann. Unter dem Adventskranz singen Mütter mit ihren Kindern, in der Singestunde in der Schule werden bekannte und unbekannte Melodien eingeübt, und selbst über die Gesichter von alten verhärteten Menschen geht es wie ein freundliches Leuchten. Auch sie nehmen teil an dem großen Glück, das in die Welt gekommen ist und schon in der Adventszeit die Menschheit fröhlich stimmt.
Für Kinder ist von besonderer Bedeutung der Nikolaustag, der am 6. Dezember gefeiert wird. Von ihm ist schon einige Tage vorher die Rede. Vater und Mutter erzählen ihren Kindern davon. St. Niklas ist ein strenger Mann, der sich nicht so leicht hinter das Licht führen läßt. In vielen Häusern hebt man in einer Ecke des Speichers oder der Rumpelkammer seine Maske vom vorigen Jahr her auf. Wenn dann der Nikolaus kommt und mit ihm wohl gar sein getreuer Knecht Ruprecht, dann ist das eine feierliche Sache. Er hat einen Belz an, sieht wie ein guter alter Großvater aus und hat eine Mütze auf dem Kopf. Natürlich darf die Rute nicht fehlen. Sie braucht er, um sich bei den Kindern Respekt zu verschaffen, die heute nicht immer mehr die nötige Achtung besitzen und wohl gar versuchen, sich über den alten Mann lustig zu machen. Wer aber folgsam und brav gewesen ist das ganze Jahr über, der wird am Nikolaustag belohnt. Knecht Ruprecht öffnet seinen Sack und läßt Honigkuchen und Pfeffernüsse herauskommen, vielleicht auch sonst noch eine Überraschung für besonders artige Kinder.
Auch Verse zum Aufsagen gibt es zum Nikolaustag:
„Wenn die Glocke sieben schlägt,
Kommt der Niklas angefegt.
Mit dem großen Besenstiel,
Haut die Kinder gar zu viel.“
Oder die Kinder bitten:
„Nikolaus, sei unser Gast,
Wenn du was im Sacke hast. –
Hast du was, so setz dich nieder,
Hast du nichts, so pack dich wieder.“
In anderen Gegenden werden noch immer Schuhe und Strümpfe zum Nikolaustag an die Tür gelegt oder über die Bettstelle gehängt, damit Knecht Ruprecht, wenn er in der Nacht kommt, seine Gaben dort hineinlegen kann. Dann kommt es wohl auch vor, daß der heilige Nikolaus sich nicht nur an die Kinder, sondern ebenso an die jungen Mädchen wendet. Er gibt ihnen Rätsel auf und verteilt Geschenke. Manchmal ist er auch besonders reich und phantastisch angekleidet. Geradeso, als ob er noch etwas von dem Glanz seiner bischöflichen Vergangenheit in die Gegenwart hinüberretten wollte. Denn ursprünglich ist St. Niklas in der Tat ein Bischof gewesen, der im 4. Jahrhundert gelebt hat.
Freilich haben auch die Germanen ihr Teil zur Ausbildung der Nikolaussitte beigetragen. Wenn der Herbstwind über die Lande brauste, hörten sie Wotan auf einem Schimmel über den Himmel reiten. Und bis auf den heutigen Tag hat sich etwas von dieser Vorstellung erhalten. Die Zeit vor Weihnachten und dann ganz besonders die zwölf Nächte sind von geheimnisvollem Schauer durchwoben. Frau Holle oder Frau „Berchta“ gehen umher und sehen nach dem Rechten. - Vielleicht haben schließlich auch die Saturnalien, ein von den Römern im Dezember gefeiertes Fest, etwas mit dem Nikolaustag oder wenigstens mit Weihnachten zu tun. Am Schluß der Wintersaat, etwa um den 17. Dezember, setzten sich im alten Weltreich Sklaven und Herren an einen Tisch, um gemeinsam zu essen. - Wo St. Niklas und Knecht Ruprecht nicht bekannt sind, nimmt der heilige Thomas ihre Stelle ein. In der Altmark spielt der „Klaas Bur“ eine große Rolle. Von all diesen wichtigen Persönlichkeiten ist etwas auf den heutigen „Weihnachtsmann"“ übergegangen, der allerdings leider vielfach nur noch Reklamebedeutung hat und von dem ursprünglichen Sinn des heiligen Nikolaus und Knechtes Ruprecht das meiste eingebüßt hat. Das ist bestimmt ein großer Schade. Denn deutsche Volkssitten sind auf jeden Fall mehr als ein Reklameartikel, der sich für billiges oder teures Geld verkaufen läßt. Sitte und Brauch sind mit dem seelischen und geistigen Besitz eines Volkes auf das engste verbunden.
Selbstverständlich dürfen in der Adventszeit Mund und Magen nicht zu kurz kommen, Honigkuchen und Nüsse der verschiedensten Art, rotbäckige Äpfel, die sich so schön im warmen Ofen braten lassen und dann das ganze Haus mit ihrem Duft erfüllen, und viele andere Süßigkeiten - das gehört alles in diese Wochen. - In einzelnen Gegenden ist es wohl auch üblich, daß besondere Speisen, etwa ein Schokoladenpudding oder etwas ähnliches, bereitet werden. Schließlich ist es wichtig, daß mit dem ersten Advent ein neues Kirchenjahr beginnt. Schon jetzt freuen sich die Gemeinden auf das bevorstehende Fest. Etwas von seinem Glanz fällt schon in diese dunklen Wochen des Advents.
Quelle: Sonntagsblatt der thüringischen evangelischen Kirche vom 9.12.1934, E. B