Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

© Thomas Schuster Heiligenstadt
Direkt zum Seiteninhalt

Archäologie: Ausgrabungen bei Ammern

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Thüringen · 25 Mai 2020
Tags: AmmernAusgrabungMerowinger
Wenn ihr Mühlhausen in Richtung Dingelstädt verlasst, seht ihr auf der rechten Seite ein Schild mit dem Hinweis, dass Aldi hier nicht weiter bauen kann, da hier archäologische Ausgrabungen stattfinden. Für die meisten ein Ärgernis, für Archäologen und Geschichtsfreunde ein Eldorado.
Das Gebiet bei Ammern ist bei Archäologen durch seine Funde aus der Zeit der Völkerwanderung bestens bekannt. 1927 kam in einer Sandgrube ein Gräberfeld aus dem 7. – 8. Jahrhundert zum Vorschein. An der Tabaktrockenhalle fand man Gräber aus dem 6. Jahrhundert. Da die Gräber ziemlich nah zusammenlagen, wurde hier ein größeres Gräberfeld vermutet. Den bedeutendsten Fund machten die Archäologen im April 1965. Es wurde ein Frauengrab aus der Merowingerzeit mit besonders vielen und prunkvollen Grabbeigaben entdeckt.

Beim Bau des Baumarktes OBI fand man 1990 ein Grab aus der Zeit der Völkerwanderung, bei der Erweiterung 1991 wurden weitere Gräber entdeckt. Bemerkenswert sind ein Pferdegrab und das Grab einer Frau mit Kleinkind. 2018 wurden beim Bau der Umgehungsstraße Mühlhausen - Ammern weitere Gräber mit Beigaben entdeckt.

Bei den Bauarbeiten des neuen Aldi fanden die Archäologen 2020 eine Keramik mit 60 römischen Silbermünzen, ein Sensationsfund. Hierbei handelt es sich um den größten in Thüringen gefundenen römischen Münzschatz!

Der größte Fund in Ammern war das Grab einer (adligen) Frau aus der Merowingerzeit. Die Merowinger waren das älteste Königsgeschlecht der Franken vom 5. Jahrhundert bis 751, wo sie von den Karolingern (Karl Martell und Karl der Große) abgelöst wurden. In dieser Zeit findet der Übergang von der Spätantike zum frühen Mittelalter statt. Das Ende dieser Epoche ist die Zeit der Christianisierung durch Bonifatius.

Begründer der Dynastie sind die Könige Chlodio und Merowech, Childerich I. war der erste Kleinkönig des Geschlechtes. Unter Chlodwig I. wurden die restlichen fränkischen Stämme und Teile Germaniens gewaltsam unterworfen. Seine Hauptstadt war Paris. Der wichtigste König für das Eichsfeld war Dagobert I. (um 608 - 639), auf dem die Sage von der Gründung Heiligenstadts zurückgeht. Er war der letzte bedeutende König der Merowinger.

Über den Fund berichtet Hermann Albrecht aus Mühlhausen:

Ein reich ausgestattetes Frauengrab der Merowingerzeit von Ammern, Kr. Mühlhausen

„Im April 1965 meldete der Bodendenkmalpfleger Kurt Freund dem Mühlhäuser Heimatmuseum ein Körpergrab, das bei Erdarbeiten nördlich Ammern, (Mbl. Mühlhausen, S: 18,5, 0: 12,8 cm) angeschnitten worden war. Bereits 1963 hatte man hier 14 Gräber aufgedeckt, und 4 weitere Gräber kamen 1964 zutage. Als neuerdings der Baulehrling Erich Sieland aus Struth Gruben für Betonpfeiler ausschachtete, stieß er in 1,50 m Tiefe auf einen Schädel, den er zunächst für einen großen Stein hielt und deshalb herausschaufelte. Dabei gingen auch einige beiderseits der Halswirbel liegende Perlen einer Halskette verloren. Der größte Teil des Grabes blieb jedoch unberührt und wurde am 9. April vom Museumsleiter A. Barth und seiner technischen Assistentin Lotte Albrecht fachgerecht ausgegraben.

Ausgrabungen und Funde

Die Grabgrube war senkrecht in alluvialen Kalktuff (Travertin) eingetieft. Auf der Sohle ruhte das Skelett einer jungen, feingliedrigen Frau gestreckt auf dem Rücken mit Schädel im Westen. Ihre Arme lagen locker am Körper. Die Tote hatte ihren Schmuck, viele Dinge des täglichen Gebrauchs und die damals übliche „Wegzehrung" mit ins Grab bekommen: Beiderseits der Halswirbel fanden sich noch 23 kleine Glasperlen einer Halskette. Am rechten Darmbein kam eine kleine vergoldete Bügelfibel mit rechteckiger Kopfplatte und angegossenen kleinen Knöpfen (Umschlagbild) zutage und nicht weit davon, zwischen den Oberschenkeln, eine zweite Fibel des gleichen Typs. Auf der rechten Beckenhälfte lag eine eiserne Gürtelschnalle, unter dem Becken ein eiserner Ring, vor der rechten Hand ein doppelkonischer Tonwirtel, zu Füßen der Toten noch ein zweiter tönerner Spinnwirtel und an der linken Wade eine kleine Riemenschnalle aus Bronze. Am linken Oberschenkel wurden dicht beieinander folgende Gegenstände gefunden: Ein in Stücke zerfallenes eisernes Griffmesser, ein stark beschädigter knöcherner Einsteckkamm mit reich verzierter Scheide, eine große Perle aus Bergkristall, neben und auf dem Kamm die zusammengerosteten Glieder einer eisernen Kette und (näher zum Körper) ein kleiner offener Bronzereif mit verdickten, rechteckigen, verzierten Enden und ein silberner Ring. Wahrscheinlich haben die zuletzt genannten 6 Gegenstände in einem Beutel oder in einer Tasche gelegen. Schließlich enthielt das Grab noch einen handgeformten bauchigen Napf, der auf dem linken Fuß der Toten stand, das Skelett eines Huhns und Eierschalen, die neben der linken Schulter gefunden wurden.

Die Beigaben lassen darauf schließen, daß die hier bestattete Frau einer wohlhabenden (Adels-)Familie angehörte. Die anderen gleichaltrigen Frauengräber dieses Friedhofes waren nicht so reich mit Beigaben ausgestattet, enthielten u. a. keine Bügelfibeln. Die Beigaben datieren das Frauengrab in die 2. Hälfte des 6. Jh. u. Z. In der Nähe dieses Gräberfeldes kamen im April 1965 noch 3 ältere Gräber zutage; zwei davon wurden vom Bagger weitgehend zerstört.“

Quellen: Artikel von Hermann Albrecht Heimatmuseum in „Ausgrabungen und Funde – Nachrichtenblatt für Vor- und Frühgeschichte“ Band 10 Heft 5 1965 Friedrich-Schiller-Universität Jena - Bilder: Thomas Schuster 2020


Zurück zum Seiteninhalt