Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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„Ich aber bin von Unreifen umgeben …“ (4/4)

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · 8 Juni 2020
Tags: Klassentreffen1991
"Die neue Lehrer-Truppe, die 1945/46 die Schule erreichte, war zum allgemeinen Erstaunen ebenfalls so mit Originalen angefüllt, daß nicht wenige Schüler schließlich überzeugt waren, Lehrer seien eben so. Den Lorbeer, als erster genannt zu werden, verdient zweifellos Professor Buschkiewicz, damals ein Mann unweit des Pensionsalters. Der Biologe mit dem etwas harten Akzent liebte die Präzision. Das klang im Jahre 1947 beispielsweise so: „Neulich, es war im Jahre 1910, las ich zwei Bücher. Erst das eine und dann das andere.“ Leider haben wir alle vergessen, um welche Bücher es sich handelte. Sein Landsmann August Rossochowitz führte den Zwicker auf der Nase und die tägliche Unterrichts-Auftakt-Formel ein: „Wer hat seine schriftlichen Aufgaben nicht angefertigt? Aufstehen, Hand hoch!“ Studienrat „Seppl“ Pradel, ehemaliger Zentrums-Abgeordneter im Deutschen Reichstag, erinnert sich prompt an einen ähnlichen Spruch von „Neufranz“, der da lautete: „Hoch, hoch, dummer Schüler“. Wenn er uns richtig informiert hatte, half Franz Neureuter noch mit einem dicken Stock nach. Wo so viele Sprüche auf uns niedergingen, schlugen wir zwangsläufig zurück. Felix Dyba, der sich heftig Mühe gab, Russisch und Naturwissenschaften zu lehren, mußte sich beim Katzen-Ständchen den deutlich akzentuierten nächtlichen Spruch aus einem Dutzend dem Stimmbruch gerade entronnenen Kehlen anhören: „Russki, Physikus, Zerstörer, Chemist, Dyba, Dyba, Dyba ist.“ Wen wunderte es, er nahm übel.

Man könnte sicher ein eigenes Heft mit den unfreiwilligen Memoiren der Studienräte füllen. Man müßte an „Benjamin“ Kanngießer erinnern, der ebenfalls nach Buchenwald verschleppt wurde, aber zurückkam. Oder an „Jupp“ Wrede, der durchaus schon einmal eine „Neun“ als Zensur anschrieb; an „Matz" Döring, der sogar Mathematik beibringen konnte; an „Meck“ Schneider, der meinen Freund Karl-Heinz Althaus einmal aufforderte, die Hausarbeiten vorzuzeigen und die entrüstete Frage als Antwort erhielt: „Meinen Sie das im Ernst?“

Den Namen des Mannes, der mich am meisten beeindruckt hat, habe ich leider vergessen. Er kam aus Thorn, hatte dort (wahrscheinlich) als Generalmusikdirektor gewirkt und spielte in St. Martin die Orgel. Eines Tages, als er keinen Spaß am Lehren und wir kein Interesse am Lernen mitbrachten, führte er uns in die Kirche und ließ die komplette Schulstunde seinen musikalischen Phantasien auf der Orgel freien Lauf. Als ich, beinahe aufgerüttelt von dieser ersten und letzten wirklichen Musikstunde meiner Schulzeit mit dem Klassenbuch zu ihm kam, nahm er den Stift und trug in die Rubrik, die für den gelehrten Stoff zur Verfügung stand, schlicht das Wort „Theorie-Unterricht“ ein.

Ihm hätte ich nicht den vorsichtshalber angehängten Absatz widmen müssen, der da lautet: Solange es Schüler gibt, wird es Lehrer geben müssen. Solange es Lehrer gibt, werden Schüler über sie lästern. Das war in den vergangenen Jahrzehnten so, das wird in den nächsten Jahrzehnten so sein, und in allen Erzählungen über das manchmal Allzumenschliche des Lehrers steckt doch ein bescheidenes Loblied auf die alte Schule."

Auf unsere Schule!

© Thomas Schuster Heiligenstadt

Quelle: „Schulstadt Heiligenstadt“ - Zur Geschichte der Heiligenstädter höheren Schulen - Cordier 1991, Gerhard Reddemann



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