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„Ich aber bin von Unreifen umgeben …“ (3/4)

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · 7 Juni 2020
Tags: Klassentreffen1991
"Im Jahre 1952-die zweite kommunistische Schulreform wurde bereits exerziert - kam die nächste Generation Oberschüler in den „Kasten“, den allerdings kaum noch jemand so nannte. Die Aufbauschule entstand nicht noch einmal. Ihre Räume dienten indessen einer anderen Schule. Die Büste des wirklichen Schulreformers Lorenz Kellner-von den Nationalsozialisten eingeschmolzen - kam nicht wieder auf ihren Platz. An einem Neuguß besaß der Staat DDR kein Interesse.

Wie an dem Gebäude die Spuren der Zeit nicht ohne Eindrücke blieben, so erst recht nicht an den Menschen. Lehrpläne und Lehrmeinungen änderten sich wie die Winde. Was gestern noch gelobt wurde, dass mußte im nächsten Jahr verdammt werden. Allein der Frankenkönig Karl der Große machte in den Mauern unseres Gymnasiums eine Wandlung vom „christlichen Heiligen“ (1929) über den „Sachsenschlächter“ (1933) und den „Führer eines germanischen Europa“ (1941) bis zum „Prototyp des Feudalherren“ (1955) durch.

Indessen: So politisch, wie es die jeweiligen Machthaber wollten, ist es fast nie zugegangen, und so sind die meisten Erinnerungen der „Ehemaligen" weniger mit politischen Ereignissen verknüpft, als mit jenen Hänseleien, mit denen man versuchte, den „Paukern“ einen guten oder weniger guten Streich zu spielen. Die wirklichen Namen der alten Gymnasial-Professoren oder Studienräte blieben nicht immer haften oder müssen manches Mal mühsam aus dem Gedächtnis hervorgeholt werden. Aber die Spitznamen vergißt niemand- und nicht zuletzt sie bilden bei so manchem Zusammentreffen von Schulkameraden Quellen unerschöpflicher und ungetrübter Heiterkeit.

Der Schüler a. D. Gerhard Wiesemüller, Sextaner des Jahrgangs 1934, erinnerte sich im Mai 1984 „anläßlich des Treffens der Heiligenstädter Schüler in Duderstadt“ sofort an die drei Müller: Johannes, Ignaz und Florentin. An Florentin als bald ausgeschiedenem Geistlichen mit donnernder Predigerstimme, an „Jonas“ als begeisterten Heimatforscher mit wenig Lust am Schulunterricht - und an Ignaz, der Deuna bei uns unsterblich machte. Ignaz stammte nämlich aus Deuna, was die ganze Schule wußte. Zu seinen Standardausdrücken („Hu jo, so'n Dämel, so'n Monstrum, so'n Sammelsurium“) gehörte auch die rhetorische Frage an jeden neuen Schüler: „Wo kommst Du denn her? Wo Du herkommst, kann doch nichts gescheites herkommen.“ Das klappte bis zu dem Tag, an dem einer aus Deuna kam. Ignaz Müllers salomonische Weisheit blieb trotzdem Sieger: ,Nu jo", soll er gesagt haben, „die Zeiten ändern sich.“ Eine ganze Schüler-Generation behauptete, die Geschichte sei in der Klasse „über uns“ passiert. Den Schüler selbst hat man indessen nie gefunden.

Andere Sprüche um so mehr. „Nero" Werners Temperamentsausbrüche („Ochs, Esel, Kannibale, geh auf die Wies, friß Gras, grünes") hörte noch der Jesuitenbau in der Mittelstadt. Die Aufforderung „Laßt Euch die Ohren abschneiden und steckt sie in die Erbsensuppe. Dann sind sie wenigstens zu etwas nütze“ entstand dagegen erst viel später. Was der eine an Sprüchen auf Lager hatte, schrieb der andere ins Klassenbuch. „Atze“ Dreike beispielsweise verewigte zum Erschrecken des Direktors den Satz: „Riethmüller bemerkt zu einem vorgelesenen Laufzettel, er habe nichts dagegen.“ Wer Franz Dreike nennt, dem Gerhard Wiesemüller bescheinigte, daß er unter der Tyrannei der Schüler litt, muß an den Privatgelehrten Dr. Agath denken, der nach dem Krieg in den Schuldienst kam und selbst von schüchternen Schülern an die Wand gespielt wurde. Wer „Atze“ Dreike beim konzentrierten Schach-Spiel und „Ho Agathos“ (den Guten) bei kunstgeschichtlichen Exkursionen erlebte, kannte seine Lehrer allerdings nicht wieder.

Das gilt übrigens ebenso für „Fäßchen“ Kruse, der zu den wirklichen Originalen des Lehrkörpers gehörte. Seine Kernsätze („Schockschwernot“, „Du kannst Dich als Clown melden im Circus Maximus“, „Geh nach Flinsberg auf die Hochschule“, „Hic, haec, hoc, der Lehrer holt den Stock“) sind ebenso unsterblich geworden wie sein behaglich geknurrter Abwehrsatz: „Ich bin kein Fäßchen, denn ein Faß ist mit Reifen umgeben, ich aber mit lauter Unreifen.“

Als er auf Anweisung der sowjetischen Besatzungsmacht im Dezember 1945 entlassen wurde, zeigte er im Stillen, was tatsächlich in ihm steckte. Er übersetzte die Annalen des Heiligenstädter Jesuiten-Collegs vom Anfang bis zum letzten Tag. Der erste von zwei vorgesehenen Bänden kam 1990 heraus. Aber da war „Fäßchen“ längst tot. Zu den tragischen Persönlichkeiten des Kollegiums zählte „Hansi“ Holt. Der Mann, der buchstäblich keiner toten Fliege etwas zuleide tun konnte, betreute die schon erwähnten Luftwaffenhelfer schulisch. Nach dem Krieg wurde er denunziert, festgenommen und nach Buchenwald verschleppt. Er kam nie zurück."



Quelle: „Schulstadt Heiligenstadt“ - Zur Geschichte der Heiligenstädter höheren Schulen - Cordier 1991, Gerhard Reddemann – Bild: heutige Lorenz-Kellner-Schule vom Park aus gesehen © Thomas Schuster 1988



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