Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

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„Ich aber bin von Unreifen umgeben …“ (2/4)

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · 6 Juni 2020
Tags: Schülertreffen1991
"Bei Kriegsbeginn verkleinerte sich das Kollegium, weil die jüngeren Lehrkräfte ihre Einberufungsbefehle erhielten. Im Jahre 1943 schrumpfte die Schülerzahl im Haus über Nacht, als die damals Siebzehnjährigen als Luftwaffenhelfer nach Halle-Trotha und Passendorf gezogen wurden, um in den „Schweren Heimatflak-Batterien 236/IV und 240/IV die Kanoniere zu ersetzen, die General „Heldenklau“ an die Fronten abkommandiert hatte. Das nächtliche Geballer im Luftraum Halle war, wenn man den Schulkameraden glauben darf, einmal von Erfolg gekrönt: Ein deutsches Jagdflugzeug stürzte brennend zur Erde.
Die Reihen lichteten sich vor allem gegen Kriegsende. An fast allen Fronten starben Heiligenstädter Schüler, denen die Schulleitung vor der Fahrt in den Tod ein „Notabitur“ bestätigt hatte. Die glücklicheren Schüler, die den Krieg überlebten, mußten nach der Heimkehr erleben, daß dieses Zeugnis der (Not-) Reife keinen Wert besaß. Im letzten Kriegsjahr erfuhr das Gebäude seine erste Zweckentfremdung. Die drei Schulen wurden in die damaligen Mädchenvolksschule in der Ratsgasse ausgelagert, während sich im „Kasten“ ein Leitstab der Nachtjäger etablierte.
Am 9. April 1945, als die US-Army ihr kurzes Gastspiel in Heiligenstadt begann, rückten deren Einheiten in das seit Wochen verlassene Schulgebäude ein. Auf dem Schulhof und auf dem Sportplatz kampierten unter freiem Himmel Tausende deutscher Kriegsgefangener bei schlechter Verpflegung und unzureichenden hygienischen Verhältnissen. Ein Vierteljahr später, am 5. Juli, zockelte die erste Einheit der damals noch „Roten Armee“ mit einem Panjewagen über das Heiligenstädter Pflaster. Ein mit Soldaten besetzter Lastwagen (Türaufschrift: „Civilian Vehicle-Pool Meiningen“) folgte. Schließlich marschierte eine Kompanie mit umgehängter Maschinenpistole über die Wilhelmstraße. Der Hauptmann an der Spitze hockte auf einem requirierten Pferd.

Wieder wurde das Schulgebäude am Bahnhof zur Kaserne. Der bereits genannte Studienrat Werner sah wenige Tage später, wie sich zwei angetrunkene Rotarmisten mit Pfeifen „seiner“ Aula-Orgel gegenseitig verprügelten. Das militärische Gastspiel der Sowjets währte in der Schule nur kurz. Ihm fiel noch die große zoologische Schausammlung zum Opfer. Dann wurde der „Kasten“ zur Durchgangsstation für Hunderttausende auf dem Weg in den damals garantiert nicht goldenen Westen. Zuerst kamen die „Evakuierten“, Menschen aus dem Ruhrgebiet und dem Rheinland, die wegen der alliierten Bombenangriffe in Mitteldeutschland untergebracht worden waren und nun wirklich „zu Fuß nach Kölle“ (oder in die Nachbarschaft) gingen. Sie zogen mit knarrenden Handwagen von Leinefelde her über die Landstraße, wenn ein sowjetischer Truppenkommandeur wieder einmal 15 Kilometer vor dem Ziel die Lokomotive vom Zug abkoppeln ließ.

Ihnen folgten die Vertriebenen, die meist im überfüllten Viehwagen am Heiligenstädter Bahnhof ankamen und ihre letzten Habseligkeiten über den Bahnhofsplatz schleppten. In der Turnhalle der Schule mußten sie sich die kleinen farbigen Registrierscheine abholen, die zum Verlassen der Sowjetischen Besatzungszone zwischen Kirchgandern und dem Gut Besenhausen berechtigten.

Wer einen Geburtsort jenseits von Oder und Neiße nachweisen konnte, wem ein Stück amtliches Papier den Anschein vermittelte, in den Vertreibungsgebieten gelebt zu haben- oder wer ein paar sächsische Seidenstrümpfe, ein halbes Päckchen amerikanischer Zigaretten, ein Achtel Pfund „echten Bohnenkaffee“ oder nur einen Fünfzig-Reichsmark-Schein springen ließ, der bekam seinen Schein etwas außerhalb der Legalität, durfte den Schlagbaum passieren und landete im Lager Friedland, dem späteren Symbol der Rückkehr aus sowjetischer Lagerhaft.

Als der große Flüchtlingsstrom verebbte und die ersten Kriegsgefangenen aus den Todeslagern jenseits des Ural eintrafen, wurde unser “Kasten“ für sie die letzte Station im sowjetischen Machtbereich. Wir haben sie als Helfer der Caritas-Bahnhofsmission angesprochen und mit manchem die panische Angst erlebt, im buchstäblich letzten Moment aufgerufen, ausgesondert und nach Workuta zurückgeschickt zu werden. Wattejacken auf ausgemergelten Körpern und zerschlissene Mützen auf eingefallenen Gesichtern prägten das Bild.

Doch es gab auch andere. An den Weihnachtstagen des Jahres 1948, als die katholische Jugend der Stadt Körbe von Kuchen für die avisierten Heimkehrer gesammelt hatten, traf ein Transport sogenannter Antifa-Schüler in der Schule ein-wohlgenährte kommunistische Kader für den „Aufbau des Sozialismus“ in den westlichen Besatzungszonen. Sie versuchten den Sammlern zu erzählen, wie gut es jedem deutschen Soldaten in der UdSSR ergangen sei und wie überzogen unsere Sorge um ihr körperliches Heil war. Den „nassen“ Kuchen aßen sie trotzdem. Den „trockenen“ Kuchen nahmen die Sammler wieder mit, um am dritten Weihnachtstag wirklichen Heimkehrern eine kleine Bescherung nach Jahren bitterer Not zu bieten."

© Thomas Schuster Heiligenstadt

Quelle: „Schulstadt Heiligenstadt“ - Zur Geschichte der Heiligenstädter höheren Schulen - Cordier 1991, Gerhard Reddemann – Bild: Staatliches Gymnasium in den 40er Jahren Postkarte © FB (bearbeitet)



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