Blog der Familie Schuster aus Heiligenstadt - Heiligenstadt im Eichsfeld

© Thomas Schuster Heiligenstadt
Direkt zum Seiteninhalt

„Ich aber bin von Unreifen umgeben …“ (1/4)

Heiligenstadt im Eichsfeld
Veröffentlicht von Thomas Schuster in Heiligenstadt · 5 Juni 2020
Tags: Schülertreffen1991
"Als der Kölner „Deutschlandfunk" 1961 „berühmte deutsche Schulen“ vorstellte, da gehörte das Heiligenstädter Gymnasium wie selbstverständlich dazu. Denn: Wenn es außerhalb des kirchlichen Raumes eine Institution gab die Jahrhunderte weit über das Eichsfeld hinaus Ausstrahlungskraft besaß dann war es jene mehr als 400 Jahre alte Anstalt, die seit dem 1. September 1991 wieder als Heiligenstädter Gymnasium firmiert. Die Gymnasiasten, die 1929 das heutige Schulgebäude, den „Kasten“, zum ersten Mal betraten, kamen aus der räumlichen Enge des alten Barockbaus an der Kollegiengasse. Sie erlebten ein Haus, das selbst heute durchaus noch modernen Ansprüchen (fast) genügt.
Die Festredner, die bei solchen Anlässen nie fehlen, unterdrückten deshalb damals auch das Lob nicht, während sie gleichzeitig versicherten, der alte Geist sei mit in die neuen Mauern gezogen. Vier Jahre später wollte man amtlich nichts mehr von diesem Geist wissen. Aus der Aula, die nicht nur den profanen Zusammenkünften vor und nach den Ferien gedient hatte, verschwand der Altar. Studienrat Franz („Nero“) Werner intonierte auf der Aula-Orgel NS-Weisen anstelle der Kirchenlieder. Wo einmal das Kreuz stand, wurde ein Gipskopf Adolf Hitlers zwischen zerzauste Lorbeerbäume gestellt. Statt der Predigten bekamen Schüler und Lehrer Tiraden des „Gauschulungsredners“ und Oberstudienrats Hans Herlerth zu hören.

Die braunen Geister wollten das einstige Jesuitenkolleg in eine Hitlerjugend-Anstalt umwandeln. Professor Franz Neureuter, „Neufranz“ genannt, und Dr. Freckmann wurden umgehend entlassen. Aber auch das geschah: Die für jede Klasse andersfarbigen Schülermützen, Alptraum für alle, die dieselbe Farbe zwei Jahre hintereinander tragen mußten, gab es plötzlich nicht mehr. Dem berufs- und bildungslosen Parteigenossen aus Braunau galten sie als Ausbund des bürgerlichen Klassendünkels.

In diesen Jahren entstand bei der Berliner NSDAP-Führung die Idee, das „schwarze“ Eichsfeld durch den sogenannten Reichsarbeitsdienst „aufnorden“ zu lassen. Im Jahre 1936 legte der „Reichsarbeitsführer“ eine Truppführerschule nach Heiligenstadt. Der RAD bemächtigte sich der Lorenz-Kellner- Schule. Die Aufbau-Schüler, wie sie überall genannt wurden, verließen ihr Haus an der Lindenallee, nicht ahnend, daß zehn Jahre später die Kommandantur sowjetischer Besatzungstruppen in ihren Backsteinbau einziehen würde.

Der „Kasten“ bot der Aufbauschule „Notaufnahme", was bei vorhandenem gutem Willen und einigem Zusammenrücken möglich war. In den Räumen aber, in denen bislang im Geiste Lorenz Kellners ausgebildet worden war, unterrichtete unter anderen ein Parteigenosse Frühwirth, der sich 1945 schnell und ohne Gruß von seiner Wirkungsstätte trennte, um kurz darauf als eifernder 1. Sekretar der SED-Kreisleitung erneut aufzutreten.

Die Enge im „Kasten“ wurde mit Kriegsbeginn drangvoller. Die Gebäude des inzwischen ebenfalls in Oberschule umbenannten Lyzeums auf dem „Berg“ verwandelte man in eines der sieben Heiligenstädter Reserve-Lazarette. Die Schülerinnen kamen also auch in das Gebäude am Bahnhof. Die Direktoren Ax und Jokusch nahmen in ihrer pädagogischen Not Zuflucht zum Strich.  Der Strich, zunächst mit Kreide gezogen, trennte Schülerinnen und Schüler fast wie ein vorweggenommener Eiserner Vorhang- zumindest im Schulgebäude. Als fünf Jahre später die Jungen auf dem „Berg“ Asyl bekamen, erfanden die Schulleitungen unterschiedliche Anfangs-, Pausen- und Schlußzeiten, die dem selben Zweck wie der Strich dienten- und ebenso wirkungslos blieben."

heiligenstadt.net

Quelle: „Schulstadt Heiligenstadt“ - Zur Geschichte der Heiligenstädter höheren Schulen - Cordier 1991, Gerhard Reddemann - Bild: Heiligenstadt um 1940



Zurück zum Seiteninhalt